Alles auf Anfang

Nach zwei weiteren Tagen im Krankenhaus, die man mich zur Beobachtung hatte da behalten wollen, wurde ich entlassen. Sofia und Alexander holten mich zusammen mit Polly ab. Glücklich, dem Krankenhaus zu entkommen, stieg ich in ihren Wagen und wir fuhren los. Doch statt in mein Wohnviertel zu fahren, lenkte Alexander das Auto zielstrebig in Richtung Stadt. Die Klinik, lag etwas außerhalb und die Wohngegend, durch die wir fuhren, war von hässlichen Plattenbauten und Mietburgen geprägt.

 

„Sagt mal, wo fahrt ihr mich denn hin?“, fragte ich verwirrt.

Sofia sah mich vom Vordersitz aus mit erhobener Augenbraue an. „Wie meinst du das? Nach Hause natürlich!“

„Aber ich wohne am anderen Ende der Stadt. Ahornallee 27. Das weißt du doch“, antwortete ich.

Gerade als ich dazu ansetzen wollte, den Weg zu beschreiben, unterbrach mich ihr schallendes Gelächter: „Ja, klar! Und ich bin ein Supermodel! Hat man dir vielleicht nicht in die Brust, sondern in den Kopf geschossen?“

Was war denn bloß mit ihr los? Meine Verwirrung wuchs und ich fragte mich, ob ich eventuell noch im Krankenhaus im Koma lag und das hier nur träumte. Doch dann stoppte Alexander das Auto vor dem alten Plattenbau, in dem ich früher gewohnt hatte. Frau Sander kam gerade vom Einkaufen und winkte mir freudig zu, als ich ausstieg. Ich winkte zurück und versuchte zu Lächeln, ohne meinen Geisteszustand zu verraten.

 

„Sollen wir noch mit hochkommen?“, fragte Sofia und Alexander griff nach meiner Reisetasche.

„Äh, nein, ich glaube nicht. Ich denke, ich wäre jetzt gerne ein bisschen allein.“ Meine Antwort klang mechanisch und sie warf mir einen besorgten Blick zu.

„Bist du sicher?“

„Ja, ganz sicher.“

„Na gut. Dann sehen wir uns am Montag im Büro. Melde dich, wenn du etwas brauchst.“

„Büro?“, fragte ich zögerlich. „Wir arbeiten?“

„Stefan! Bist du sicher, dass du ok bist? Willst du nicht doch nochmal mit einem Arzt über dein Erinnerungsvermögen reden? Natürlich im Büro! Wir sind Kollegen bei Paulsen Logistik & Co. Soll ich dir etwa die Adresse deines Arbeitgebers nennen?“

Ich zwang mich zu einem künstlichen Lachen und schüttelte den Kopf. „Nein, natürlich weiß ich, wo wir arbeiten. Also bis Montag, dann!“

 

Als der Wagen um die Ecke verschwand, griff ich in meine Jackentasche und berührte den Schlüsselbund mit dem vertrauten Holzanhänger daran. Plattenbau und Paulsen Logistik? Was war aus meiner Arbeitslosigkeit, meinem Lottogewinn, meiner Karriere in der Modebranche geworden? Wieso stand ich hier? Dort, wo alles begonnen hatte, als Polly geschlüpft war? Ratlos schloss ich die Tür auf und nahm den Fahrstuhl zu meiner alten Wohnung. Der Schlüssel passte und alles sah so aus, wie ich es in Erinnerung hatte. Polly flatterte freudig krächzend auf ihren Stammplatz auf der Stuhllehne des Küchenstuhls und ich stellte aus alter Gewohnheit die Kaffeemaschine an.

 

Ich machte es uns im Wohnzimmer gemütlich. Noch immer wartete ich darauf, aufzuwachen und im Krankenhaus an Schläuchen angeschlossen in mein gewohntes Luxusleben zurückzukehren.

 

Stattdessen klingelte es an der Tür. Frau Sander stand dort und strahlte mich an. „Hallo Herr Reiter!“, rief sie fröhlich und drückte mir einen Teller mit einem Stück selbstgebackenem Streuselkuchen in die Hand. „Ich hatte Lust etwas zu backen. Aber allein kann ich das ja gar nicht alles essen. Hier, bitte!“

 

„Danke“, murmelte ich. Sie war wie immer, nett und fröhlich. So wie sie war, bevor wir uns angefreundet hatten und ich sie leblos in ihrer Wohnung gefunden hatte. „Möchten Sie nicht einen Moment hinein kommen?“ Das hatte ich früher  nie gesagt und sie schaute mich überrascht an.

 

„Ja, gerne“, antwortete sie und ich holte ihr einen Kaffee aus der Küche. Als wir zusammen im Wohnzimmer saßen und unseren Kuchen aßen, fragte ich sie schließlich: „Frau Sander. Bitte halten Sie mich nicht verrückt, wenn ich das jetzt frage. Aber hatten sie vor ungefähr zwei Jahren mal einen Unfall in der Wohnung und habe ich Sie dort gefunden?“

Ihr Blick sagte schon alles, aber auch ihre Worte bestätigten, was ich längst vermutete: „Nein, gottseidank nicht. Ich bin noch ganz fit für mein Alter. Sie waren noch nie in meiner Wohnung, aber ich würde mich freuen, wenn Sie mal vorbei schauen würden. Warum fragen Sie das?“

 

„Ach, nur so. Ich bin ein wenig verwirrt nach dem Aufenthalt im Krankenhaus. Die Ärzte sagen, das ist normal, das gibt sich wieder.“ Mit einem Blick auf Polly wandte ich mich wieder meinem Kuchen zu.

 

***

 

Pollys fehlende Schwanzfedern waren das einzige, was mit meinen Erinnerungen an die vergangenen zwei Jahre übereinstimmte. Ansonsten war mein Leben wieder so, wie ich es geführt hatte, bevor ich arbeitslos wurde, bevor ich Pollys Ei geschenkt bekam und bevor ich ein reicher, berühmter Modelmacher wurde. Sofia war Sekretärin in der Firma, in der ich mich als Betriebswirt um die Logistikplanung kümmerte. Ihr Mann hatte sich tatsächlich hoch verschuldet und auch den Geldeintreiber hatte es gegeben. Genau wie die Schüsse auf mich. Aber alles, was mir Polly mit seinen Federn beschert hatte, war offenbar nie geschehen. Alles, bis auf die Tatsache, dass er mein ständiger Begleiter war und mein Leben gerettet hatte.

 

Ich bedauerte, dass es nichts gab, womit ich Polly belohnen konnte. Da er nichts fraß, konnte ich ihn auch nicht mit einem Keks oder etwas Obst belohnen. Aber er schien völlig zufrieden damit zu sein, endlich wieder auf meiner Schulter zu hocken. Sein Gefieder sah wieder prachtvoll aus, voll und glänzend mit leuchtenden Farben und glühenden Rändern. "Du wolltest also lediglich, dass ich selbstlos gute Taten vollbringe, nicht wahr?", fragte ich ihn eher rhetorisch und kraulte seine Brust. Ich erschrak, als er daraufhin seine Flügel spreizte und auf den Sessel vor mir flatterte. Er verließ meine Schultern sonst nur selten. Ob er nun Gefallen daran gefunden hatte, etwas weniger an mir zu kleben? Diese Frage versetzte mir einen kleinen Stich und hinterließ ein wenig das Gefühl von gekränkter Eitelkeit in meinem Herzen. Doch Pollys eindringlicher Blick in meine Richtung lenkte mich ab. Er stolzierte zum Rand des Sessels, drehte sich um und ließ mit einem kräftigen Schütteln seine letzte Schwanzfeder zu Boden gleiten.

 

"Polly! Was tust du denn da?", rief ich entsetzt. Es gab keinen Grund, seine letzte Feder zu opfern, wir waren gesund, glücklich, sicher und zu Hause! Was konnte diesen Vogel dazu veranlassen, seine kostbarste Gabe zu verschwenden?

Dann drangen Pollys Worte durch meine Gedanken: "„Die letzte Feder DIR zu helfen. Selbstlos eine Tat vollbracht, wähltest du den rechten Weg. Dem Glück nichts mehr im Wege steht.“

 

Ehe ich etwas entgegnen konnte, fingen sowohl die Feder als auch Polly selbst Feuer. Anders als sonst war es eine große, helle Flamme, deren kleine Explosion mich blendete. Ich erschrak fürchterlich, aber es ging so schnell, dass ich keine Zeit hatte, zu reagieren. Als sich meine Augen von dem Blitz erholt hatten, war Polly verschwunden. An seiner Stelle saß mir eine wunderschöne, junge Frau gegenüber. Sie war nackt, ihre Brüste verschwanden hinter ihren langen Haaren und ihre verschränkten Beine bedeckten ihre Blöße. Das schwarze Haar und die blauen Augen standen im starken Kontrast zueinander. Als sie ihre Lippen zu einem Lächeln verzog, drohte mir das mir den Boden unter den Füßen weg zu reißen. Ich wusste vom ersten Moment an dem ich sie sah, dass dies die Frau sein würde, mit der ich den Rest meines Lebens verbringen wollte.

 

"Mein Name ist nicht Polly", sagte sie. Ihre Stimme klang wie Musik in meinen Ohren, melodisch und sanft. Sie erhob sich und kam mit drei langen Schritten zu mir. Sie beugte sich zu mir herab und legte ihre weichen Lippen auf meine.

 

"Ich heiße Phoenix, und ich bin dein", flüsterte sie. 

 

~ENDE~ 

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© 2019 by Mona Silver