Bei Nacht sind alle Katzen grau

Der Wind pfiff kalt und schneidend durch die schmale, dunkle Gasse Manhattans. Vom Glanz und Gloria der Stadt war hier nicht viel zu spüren. Hier versteckten sich die Unerwünschten, die Vergessenen und die Ungeliebten vor dem Trubel der Großstadt. Oscar gehörte zu ihnen. Sein Fell war schon lange nicht mehr glänzend, seine Pfoten schmutzig, seine Rippen stachen an den Seiten hervor und sein Auge war trüb. Das andere Auge hatte er in einem Kampf mit einer angriffslustigen Bande verloren. Das war jetzt sechs Monate her. Seither ging es stetig bergab, das Futter wurde knapp, seit die alte Frau nicht mehr regelmäßig zur Futterstelle kam. Was wohl mit ihr geschehen war? Ob sie noch lebte? Hatte man sie in eines dieser Altersheime gebracht, in die die Menschen ihre Alten und Kranken abschoben? 

Oscar setzte sich auf eine der rostigen Feuertreppen und überblickte seine Straße. Viel gab sie ja nicht her, aber immerhin war dies nun sein Revier. Er hatte schon viele Reviere sein eigen genannt. Einige davon wirklich schön. Als Kätzchen war er von einer Familie mit zwei Töchtern adoptiert worden. Jeden Tag spielte er mit den beiden Mädchen, schlief in ihren Betten und jagte die Mäuse im Keller des Gebäudes. Das war außerhalb von Manhattan gewesen. 


Als die Mädchen in die High School kamen, hatten sie weniger Zeit für ihn. Ihm war langweilig gewesen und übermütig war er in einen Lieferwagen geklettert, der beim Nachbarn vor der Tür stand. Dummerweise hatte er nicht bemerkt, dass der Fahrer zurück gekehrt war und schon wurde die Tür zugeschlagen. Als sie wieder aufging, fand er sich in der Großstadt wieder. 

Er hatte versucht nach Hause zu kommen, aber es war nicht so einfach. Die Straßen Manhattans stanken und sein Gespür für die Richtung trügte ihn. Er versuchte es immer wieder, doch es half nichts. Ein alter Mann hatte ihn schließlich gefunden, halb verhungert auf der Türschwelle seiner baufälligen Wohnung in einem der weniger schicken Viertel der Stadt. Er hatte ihm zu fressen gegeben und seine Wunden gepflegt. Doch dann war der Mann gestorben. Und Oscar war wieder allein. 

Zurück auf der Straße hatte er einige Kämpfe durchzustehen. Die Kater der Gegend hatten alle ihre Reviere bereits abgesteckt. Er, ein kastrierter Stubenkater, hatte nicht viel zu melden. Seine Kampferfahrung war nicht groß. Aber er lernte dazu. Mangelnde Erfahrung machte er durch seine Intelligenz wett. Er hatte schließlich eine Menge andere Dinge gelernt, z. B. zu erkennen, dass Menschen nicht der Feind sind. Er war gut darin, sie um die Pfote zu wickeln und ihnen etwas zu Fressen abzuluchsen. 

Seit einiger Zeit lebte er nun also hier. Er war der einzige Kater hier, ein paar Kätzinnen lebten in der Gegend. Sie waren dankbar für seinen Schutz, denn nicht kastrierte Kater waren für sie eine Gefahr, solange sie Kätzchen hatten. 

Ein Geräusch ließ ihn aufhorchen. Jemand hatte die Gasse betreten und kam im fahlen Licht auf ihn zu. "Papa, lass uns dort nachschauen! Vielleicht ist Oscar ja hier, ich habe eine Katze gesehen, die eben hier um die Ecke bog." 

"Ach Schatz, die Wahrscheinlichkeit, dass Oscar hier ist, ist so gering wie eine Nadel im Heuhaufen zu finden. Bei Nacht sind alle Katzen grau und sie sehen sich alle ähnlich."

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© 2019 by Mona Silver