Blackout 2003

Es war an einem Donnerstag nachmittag. Ich saß allein und verlassen in meinem Büro, denn ich war die einzige, die von meiner Arbeitseinheit des German Information Center im gemeinsamen Gebäude der drei deutschen Auslandsvertretungen (Generalkonsulat, VN-Botschaft und GIC) noch in New York geblieben war. Das GIC war nach Washington umgezogen und ich machte quasi das Licht aus, ehe ich zwei Wochen später ins Generalkonsulat wechseln sollte. 

 

Da saß ich also nachmittags in meinem Büro und sortierte Akten, als plötzlich im wahrsten Sinne des Wortes das Licht ausging - und mit ihm auch mein PC, Drucker und Radio. Genervt griff ich zum Telefonhörer und rief bei unserer Verwaltung an. 

 

"Hey, das GIC ist zwar umgezogen, aber ICH bin noch da. Könntet Ihr mir bitte den Strom wieder einschalten?" Meine Stimmung war ohnehin schon leicht gereizt, denn so ein Umzug einer gesamten Arbeitseinheit ist purer Stress und die herrschende Hitze in NY tat ihr übriges. 

"Wir haben dir nicht den Strom ausgeschaltet. Wir alle haben keinen Strom", lautete die überraschende Antwort. 

 

Ein Blick aus dem Fenster auf die Straße bestätigte das: Selbst die Ampeln waren schwarz. Hm, was tun? Obwohl die Notbeleuchtung und die Fahrstühle unseres Bürogebäudes noch funktionierten dank eigenem Generator, bleibt nicht viel zu tun, wenn man in heutigen Zeiten keinen PC mehr hat. Ich blieb also bis Feierabend unbeschäftigt auf meinem Stuhl sitzen und hoffte auf Strom. Er kam nicht. 

 

Mittlerweile verbreitete sich die Meldung wie Lauffeuer. Die gesamte Ostküste hatte keinen Strom mehr. Die vielen A/Cs, die auf Hochtouren gegen die hohen Sommertemperaturen angekämpft hatten, blieben aus. Die Hitze kroch in die Gebäude wie wabernder Nebel im Sumpf. Um fünf packte ich meine Sachen und machte mich auf den Heimweg. Ich hatte es zum Glück nicht weit und war nicht auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen. Anderen ging es da schlechter, denn sie mussten sich irgendwie nach Hause durchschlagen. Es fuhren keine U-Bahnen, die Straßen waren verstopft, das öffentliche Leben so gut wie zum Erliegen gekommen. 

 

Aber, wie schon während 9/11, ich bewunderte die Amerikaner für ihre positive Art, mit den Dingen umzugehen. Die jammern nicht rum und rufen nach dem Staat, dass er helfen soll, die packen selber an. Einige regelten ungefragt den Verkehr, Geschäfte hatten ihre Türen geöffnet und verschenkten Sportschuhe an Menschen, die sich zu Fuß nach Hause durchschlagen wollten, andere kamen mit Transistorradio, Stuhl und Tisch auf die Straße und genossen einfach mal den Zustand, nichts tun zu können als zu warten. Es war fast Partystimmung auf den Straßen New Yorks. 

 

Ich gebe zu, zunächst war ich skeptisch. Wie oft hatte man schon Bilder gesehen von Städten, in denen aufgrund solcher Vorfälle plötzlich Unruhen ausbrachen, Geschäfte überfallen wurden oder Leute wahllos alles plünderten? Ich hetzte also nach Hause, nicht nur, weil ich meinen Kater füttern wollte, sondern auch, um vor der Dunkelheit in Sicherheit zu sein. 

 

Zu Hause lag dummerweise im 21. Stockwerk. Und das bedeutet bei Stromausfall bekanntlich nichts Gutes. Ich lungerte eine Zeitlang vor dem Haus herum, saß dort auf den Bänken in unserem Hausgarten und hoffte darauf, dass der Strom zurück käme, bevor ich mich an den Aufstieg machen würde. Aber die Hoffnung wurde nicht erfüllt. Ein Kollege, der im gleichen Haus wohnte, nur im 17. Stock, kam ebenfalls dazu und gemeinsam machten wir uns auf den Weg zum Treppenhaus. Es lag im Inneren des Gebäudes, ohne Fenster und auch ohne Notbeleuchtung. Ich frage mich noch heute, wie sowas sein kann, aber es war so. Es war so finster, dass man die Hand nicht vor Augen sah. Hartmut ging vor und wir kletterten Schritt für Schritt die Stufen hoch. Dabei mussten wir zählen, um unsere Stockwerke nicht zu verpassen. Und daran denken, dass es in den USA keinen 13. Stock gibt.

 

"Vorsicht", sagte Hartmut irgendwo zwischen dem siebten und dem zehnten Stock. Viel reden konnten wir längst nicht mehr aufgrund der Anstrengung. "Hier liegt irgendwas." 

 

Ich dachte, es läge etwas auf den Stufen vor mir und tastete mich vorsichtig mit den Zehenspitzen voran, immerhin trug ich als Frau im Hochsommer offene Sandalen. Statt meines Fußes griff aber meine Hand in etwas Feuchtes, Haariges. Ich quiekte auf wie ein Schulmädchen beim Anblick der Jungenumkleide und machte einen erschrockenen Schritt zurück, der mich den halben Treppenabsatz wieder hinunter beförderte. Ich konnte mich gerade noch halten, um nicht zu fallen. Mein Herz pochte mir bis in den Hals, vor meinen Augen standen Bilder von toten Ratten oder ähnlich ekligen Dingen, in die ich hinein gegriffen haben mochte. Ich war dankbar für die Dunkelheit, die mein Gesicht vor meinem Kollegen verbarg, der sich über mir fast totlachte. 

 

Erst Tage später traute ich mich, nachzusehen, was es gewesen war und es stellte sich heraus, es war ein alter Langhaarteppich, der ausgewaschen und über die Brüstung zum Trocknen gehangen worden war. 

 

Natürlich verzählte ich mich nach dem Vorfall und kletterte ein Stockwerk zu weit hoch. Im 22. Stock angekommen, musste ich also wieder zurück ins finstere Treppenhaus und in den 21. Stock zurück gehen. 

 

In meiner Wohnung war es merkwürdig still. Es ist faszinierend, wie leise es ist, wenn plötzlich aller Strom weg ist. Die Stromleitungen geben ein fast unmerkliches, permanentes Sirren ab, das man gar nicht wahrnimmt, wenn es alles so ist wie immer. Aber wenn dann mal die Leitungen still sind, merkt man, wie leise es sein könnte. Mein erster Weg führte mich ins Bad, wo ich die Wanne voller Wasser laufen ließ. Ich wusste, auf dem Dach steht ein Wasserspeicher, der mit Hilfe von Pumpen befüllt wird. Wäre der erst mal leer, gab es keine Chance, in einem Hochhaus an Wasser zu kommen. Je nachdem, wie lange der Stromausfall andauern würde, keine schöne Vorstellung, bei der herrschenden Hitze von über 30°C. 

 

Anschließend suchte ich meine Schränke nach Kerzen ab. Davon hatte ich im Sommer nicht so viele vorrätig, wie sonst, aber ich fand genügend, um es mir um mein Bett herum gemütlich zu machen. Danach räumte ich mein Gefrierfach leer und futterte die Packung Eiscreme. Man darf das Zeug ja nicht schlecht werden lassen. 

 

Mit Kater, Buch und Kerzenschein zog ich mich ins Bett zurück und wartete. Am nächsten Morgen war der Strom noch immer nicht da. Ich hatte weder Radio noch sonst irgendeine Verbindung zur Außenwelt. Auch mein Telefon war vom Strom abhängig, schließlich waren wir längst im digitalen Zeitalter angekommen. Ich haderte mit mir, ob ich zur Arbeit gehen müsste oder nicht. Die Treppen im Dunkeln wieder hinunter zu steigen, war schon ätzend genug, aber ich müsste sie auch wieder hoch. Und ob im Büro überhaupt irgendwas lief, war fraglich. Der Generator sorgte nur für den Betrieb des nötigsten, nicht aber dafür, alle PCs zu versorgen. Ich entschied, dass ich zu Hause blieb, legte mich aufs Bett und las weiter in meinem Buch. 

 

Am Freitag nachmittag gegen vierzehn Uhr kam der Strom wieder. Es musste mir niemand sagen, denn so wie man zuvor die Stille hören konnte, hörte man ihn auch wiederkehren. Ein Sirren ging durch den Raum und kurz darauf zeigte der Fernseher durch das rote Lämpchen seine Standby Funktion wieder an. 

 

Ich checkte die Nachrichten auf NY One, dem lokalen Nachrichtensender für New York City. Es wurde noch immer fieberhaft daran gearbeitet, die Gebiete mit Strom zu versorgen. Nach und nach wurde der Strom zugeschaltet, es wurde davor gewarnt, dass er jederzeit wieder ausfallen könne, da das System noch nicht stabil sei. Von Kanada bis in den mittleren Westen hinein und entlang der Ostküste bis nach New Jersey lag der nordamerikanische Kontinent im Dunkeln. 

 

Ich ging ins Büro, der Fahrstuhl ging ja wieder, um zu überprüfen, ob ich dort hätte sein sollen. Es war niemand dort außer des Sicherheitsdienstes, die im Gebäude auch wohnen. Genau hinter meinem Gebäude hörte die Stromgrenze auf, das Bürogebäude war weiterhin ohne Strom. Ich ging also wieder heim. Erst am 16. August, also zwei Tage nach dem Ausfall, war Manhattan wieder komplett mit Strom versorgt. Es war Samstag und das Leben am Montag danach ging wieder ganz normal weiter.

 

Aber ich hatte ein Ereignis in New York miterlebt, an das man sich ein Leben lang erinnern würde als den großen Blackout des Jahres 2003, von dem schätzungsweise 55 Millionen Menschen in Kanada und den Vereinigten Staaten betroffen waren. 

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© 2019 by Mona Silver