Das Ei

Fasziniert starrte ich auf das tennisballgroße Ei in dessen regenbogenfarbener Schale sich ein tiefer Riss abzeichnete. Ein leises Kratzen war zu hören und schließlich lugte ein gelber, gebogener Schnabel hervor. Ich half dem kleinen Kerl, indem ich die Schale vorsichtig aufzog. Ein feuchtes Bündel mit verklebten Federn von noch undefinierbarer Farbe hockte in den Resten der Eierschale. Der Kopf wackelte unsicher hin und her und die großen schwarzen Knopfaugen schauten mich erwartungsvoll an. Behutsam hob ich das Tierchen hoch und setzte es auf ein paar warme Handtücher. Ich trocknete seine Federn und entdeckte, dass das schwarze Gefieder am Bauch grünlich irisierend glänzte, während die Federn an Rücken und Flügeln rot waren. Noch war das Federkleid dünn und die Schwungfedern nicht ausgebildet, aber es versprach ein wunderschöner Vogel zu werden. 

Ich streichelte seinen Kopf und fragte mich, was er wohl fressen würde. Während ich aus der Küche einen Apfel und ein paar Sonnenblumenkörner besorgte, dachte ich an die alte Frau, die am Morgen vor mein Auto gelaufen war. Wie aus dem Nichts war sie plötzlich aufgetaucht und ich war auf die Bremsen gestiegen. Zum Glück war ich nur im Schritttempo unterwegs, da ich gerade vom Parkplatz des Supermarkts herunter fahren wollte. Die Erinnerung an das Geräusch, als ich sie mit meinem Kotflügel berührte, ließ mich trotzdem innerlich zusammenzucken. Der Schock saß mir noch immer in den Knochen, auch wenn die alte Dame nicht ernsthaft verletzt worden war. 

Ich hatte ihr aufgeholfen und sie hatte aufgeregt in ihrer Handtasche gegraben. Sichtlich erleichtert holte sie behutsam das Ei heraus, und überzeugte sich davon, dass es den Unfall unbeschadet überstanden hatte. Sie streichelte es liebevoll und ich begleitete sie an den Straßenrand, wo ich sie aufforderte, sich auf eine Bank zu setzen. Ich bestand darauf, den Notarzt zu rufen, nur um sicher zu gehen, dass ihr nichts fehlte. Als der kam, wollte man sie zur Beobachtung ins Krankenhaus mitnehmen. In ihrem Alter wollte man kein Risiko eingehen. Als ihr Widerspruch auf taube Ohren stieß, packte sie meinen Arm und drückte mir das Ei in die Hand. „Nehmen Sie es! Achten Sie gut darauf! Es wird Ihnen Glück bringen!“ Verwirrt hatte ich das Ei entgegengenommen und ohne nachzudenken zustimmend genickt. Als der Rettungswagen aus meinem Sichtfeld verschwand, stand ich noch immer mit dem Ei in der Hand auf der Straße. Was sollte ich nun damit anfangen? Was war das überhaupt für ein Vogel, der solche Eier legte? Noch nie zuvor hatte ich ein solches Ei gesehen. 

Ich nahm es mit nach Hause und durchsuchte das Internet nach Hinweisen über die Vogelart. Aber wie sucht man nach etwas, dessen Namen man nicht kennt? Bei dem Suchbegriff „regenbogenfarbenes Ei“ kamen tausende Einträge über Ostereier, aber keine Hinweise auf tatsächlich existierende Vogelarten. Für ein Hühnerei war es zu groß, es sah auch nicht so aus, als wäre es eingefärbt worden. Es fühlte sich merkwürdig warm an. Ob es gekocht war? Ich hielt es gegen das Licht und glaubte, einen Schnabel durchscheinen zu sehen. Sollte da wirklich etwas schlüpfen? 

Um sicher zu gehen, legte ich das Ei in eine mit Heu ausgelegte Schüssel und stellte sie in die Nähe der Heizung. 

Und nun saß hier dieser kleine Piepmatz und sperrte seinen Schnabel auf, sobald er mich erblickte. Vorsichtig hielt ich ihm einen Sonnenblumenkern hin, doch er blickte mich fast vorwurfsvoll an und ignorierte den angebotenen Leckerbissen. Kein Körnerfresser, also. Ein Stück Apfel vielleicht? Auch das wurde mit Nichtachtung gestraft. Die schwarzen Augen starrten mich eindringlich an. Er hatte Hunger. Mein Vorratsschrank gab nicht mehr her, ich würde noch einmal Einkaufen fahren müssen. Aber was bloß? Während ich darüber nachdachte, streckte ich automatisch die Hand nach meinem Feuerzeug aus, um die Kerze anzuzünden, die auf dem Tisch stand. Kerzen hatten mir schon immer beim Nachdenken geholfen. 

Als die Flamme aufloderte, machte mein gefiederter Freund einen langgezogenen, lauten Ton, der sich fast wie ein freudiges Quietschen anhörte. Erstaunt blickte ich ihn an. Er zappelte herum und schlug ungeduldig mit den Flügeln. Autsch! Das Feuerzeug war heiß geworden und ich ließ den Gashebel los. Als die Flamme erlosch, verstummte auch der Vogel. Nanu? Was hatte das denn zu bedeuten? Ich ließ die Flamme noch einmal aufflackern und wieder wurde das Tier munter, schrie, stampfte und flatterte. Ohne selbst zu wissen, warum ich das tat, brachte ich die Flamme näher an ihn heran. Je näher ich ihm kam, umso lauter wurde er, sobald ich die Flamme entfernte, verstummte er und seine Augen wurden traurig. 

Verrückter Vogel, dachte ich. Und ich hatte immer geglaubt, Tiere hätten Instinkte, die ihnen zeigen, was für sie gefährlich werden könnte. Kopfschüttelnd legte ich das Feuerzeug weg. Dann packte ich das Tierchen in einen Tragekorb und fuhr mit ihm zur Zoohandlung. Dort würde man wissen, was für eine Vogelart er sei und hoffentlich auch das richtige Futter für ihn haben. Leider hatte auch der Zoohändler keine Ahnung, um welche Vogelart es sich bei meinem feuerliebenden Kerlchen handelte. Mit diversen Vogelfuttersorten ausgerüstet machte ich mich wieder auf den Heimweg. 

Zuhause angekommen stellte ich das Tierchen samt Nest auf den Esstisch, baute alle Futtersorten um mich herum auf und zündete die Kerze an. Wieder flippte der kleine Kerl beim Anblick des Feuers fast aus, aber ich ignorierte ihn. Ich würde mir meine Liebe zu Kerzen nicht von ihm verderben lassen. Er musste lernen, dass Feuer heiß und gefährlich ist, da musste er durch. 

Keine der Futtersorten wurde akzeptiert. Langsam gingen mir die Ideen aus. Seufzend lehnte ich mich auf dem Stuhl zurück und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. Was nun? Ich war so tief in Gedanken versunken, dass ich nicht rechtzeitig reagierte, als der kleine Vogel plötzlich seine Kräfte mobilisierte und aus seinem Nest heraus hüpfte. Mit ungeahnter Geschwindigkeit raste er auf die Kerzenflamme zu und schnappte danach. Erschrocken sprang ich auf und wollte ihn gerade von der Gefahrenzone fernhalten, als ich sah, dass die Flamme ihm keinen Schaden zuzufügen schien. Im Gegenteil. Sobald die Flamme in seinem Schnabel verschwunden war, schien sein Gefieder plötzlich intensiver zu glänzen. Sein wackeliger Gang wurde stabiler und er drehte sich zu mir herum und sah mich erwartungsvoll an. Dann drehte er sich wieder zur jetzt erloschenen Kerze. Und zurück zu mir. 

„Wie bitte? Du frisst Feuer?“, fragte ich ihn fassungslos und griff automatisch nach dem Feuerzeug, um die Kerze erneut anzuzünden. Und zack! Schnappte er wieder danach. An seinen Flügeln erschienen zwei feuerrote Schwungfedern, auf jeder Seite eine. Das Feuer schien nicht nur seine Nahrung zu sein, sondern wirkte auch noch wie ein Wachstumsmittel. Mehr als dreißig Mal zündete ich die Kerze an und er fraß die Flamme. Als er schließlich beschloss, satt zu sein und die Kerze brennen ließ, saß ein ausgewachsenes Tier vor mir. Er hatte nun die Größe eines Aras, seine Schwungfedern an den Flügeln waren lang und liefen spitz zu. Die Federkiele waren schwarz und zum Rand hin wechselten sie zu einer rötlichen Färbung. Auch die 30 cm langen Schwanzfedern waren schwarzrot, aber was mich am meisten faszinierte, waren die glühenden Ränder seines Federkleids. Das Tier strömte eine Hitze aus wie ein brennendes Kohlenstück. Kein Wunder. Schließlich stand sein Gefieder wortwörtlich in Flammen. Merkwürdigerweise fing nichts in seiner Nähe Feuer, selbst das Heu in seinem jetzt viel zu kleinen Nest blieb unbeschadet. Die vormals schwarzen Knopfaugen hatten nun eine dunkelrot leuchtende Pupille umgeben von einer tiefschwarzen Iris. Sie strahlten eine tiefe Weisheit aus, die mich angesichts seines jungen Alters beeindruckten. 

„Was bist du bloß?“, fragte ich ohne eine Antwort zu erwarten. 

Ich bin ein Phoenix. Und ich bin dein. 

Die Stimme hallte in meinem Kopf nach und fassungslos starrte ich ihn an. „Hast du etwa gerade mit mir gesprochen?“ 

Als alles still blieb, schüttelte ich den Kopf. Nein, sicher nicht, ich drehe langsam durch. 

Sieben Federn dir zu helfen. Sieben Taten zu vollbringen. Wählst du den rechten Weg, dem Glück nichts mehr im Wege steht. 

Mein Kopf schnellte herum und ich starrte das Tier erneut an. Der Vogel hatte sich umgedreht und streckte mir seine Schwanzfedern entgegen. So breit ausgefächert erkannte ich, dass es genau sieben Federn waren. „Was willst du mir damit sagen?“, fragte ich. Doch diesmal blieb er mir die Antwort schuldig.

 

 

 

ZURÜCK

WEITER

© 2019 by Mona Silver