Der Geldeintreiber

Obwohl Sofia weiterhin nicht schlecht verdiente, schluckte ihr Mann ihr gesamtes Geld. Ich begann mich langsam zu fragen, was er damit eigentlich anstellte. Da ihre Liebe zu ihm unerschütterlich war, hatte ich meinen sehnlichsten Wunsch, Sofia als Frau an meiner Seite zu gewinnen, längst aufgegeben. Die Klatschpresse berichtete mittlerweile schon über mich als den "ewigen Junggesellen", eine Schlagzeile die sich nahtlos neben der über den "schrulligen Fashionbaron mit seinem Papagei" einreihte. Ich hatte mich damit abgefunden. 

 

Eines Morgens kündigte meine Assistentin einen unangemeldeten Besucher an, der ihr seinen Namen nicht hatte nennen wollen. Es stellte sich heraus, dass es Alexander Borchardt war. Der Mann sah schlecht aus, seine Haut war aschfahl, seit unserer letzten Begegnung war er stark abgemagert und auf seiner Stirn standen dicke Schweißperlen. Er wirkte fahrig und sah sich permanent um, als leide er unter Verfolgungswahn. Letzteres stellte sich als nicht zu weit her geholt heraus, denn was er von mir wollte, war Geld.

 

"Bitte, Herr Reiter, Sie sind der einzige, an den ich mich wenden kann. Ich MUSS zweihundertfünfzigtausend Euro zusammen bekommen, sonst wird mich dieser Kerl aus dem Weg räumen. Mit dem ist nicht zu spaßen!"

Bei dieser Summe musste ich mich erst mal hinsetzen. "Welcher Kerl will Sie aus dem Weg räumen?", fragte ich fassungslos.

"Ein Geldeintreiber." Borchardts Miene drückte Scham aus und sein kleinlauter Ton verriet, dass er nicht stolz darauf war, was er angefangen hatte.

"Wofür um alles in der Welt haben Sie so viel Geld benötigt?"

Er rang betreten die Hände. "Das ist eine lange Geschichte. Ich war jung, und dumm und wollte mich selbständig machen. Damit ich nach etwas aussah, brauchte ich Statussymbole, ein schickes Haus, eine tolle Frau… Ich dachte, das Geld habe ich ruckzuck wieder zusammen und kann es zurückzahlen. Doch so einfach war es nicht und die Zinsen wurden ständig erhöht, ich musste neue Kredite aufnehmen, um alte zu bezahlen und so kam eins zum anderen."

Ich nickte. Was sollte ich auch dazu sagen? Dass er einen Fehler begangen hatte, wusste er längst selbst. "Was ist denn mit dem Geld, das Sofia verdient?", fragte ich.

"Es reicht nicht. Ich konnte damit lediglich die Zinsen tilgen. Ich will ihr nichts davon erzählen, es würde ihr Angst machen. Sie glaubt, ihr Geld reicht für Ratenzahlungen."

Ich konnte nicht umhin zu glauben, dass Sofia viel zu klug dafür war, ihm diese Story abzukaufen, aber ich konnte mich auch nicht einmischen. Die beiden mussten tun, was sie für richtig hielten und er hatte seine Frau für seine Zwecke schon genug strapaziert.

"Ich werde das Geld selbstverständlich zurückzahlen", erklärte Borchardt mir gerade. Seine kriecherische Art war mir unangenehm.

"Herr Borchardt, wir wissen beide, dass dies nur Lippenbekenntnisse sind. Wenn sie dem Kredithai schon das Geld nicht zurückzahlen können, wie sollten sie es bei mir können?"

 

Hätte seine Haut noch blasser werden können, wäre er es nach diesen Worten wohl geworden. Doch stattdessen presste er nur die Lippen zusammen und blickte betreten auf seine Schuhspitzen. Ich betrachtete ihn, wie er da so vor mir auf dem Besucherstuhl hockte. Seine hängenden Schultern, sein strähniges Haar, seine fahrigen Hände. Ich würde nie verstehen, was Sofia an ihm fand, doch wo die Liebe hinfiel... "Ich möchte mir etwas Bedenkzeit erbeten, Herr Borchardt. Wir reden hier von einer Menge Geld, ich bin Geschäftsmann und möchte erst darüber nachdenken, bevor ich Ihnen meine Hilfe zusage. Können Sie mir den Namen des Kredithais nennen, der sie bedroht?"

 

Borchardt nickte und reichte mir eine Visitenkarte. "Max Köller - Pleite? Verschuldet? Schufa versaut? Ich helfe trotzdem" Darunter eine Handynummer und eine Postfachadresse. "Ich habe nicht mehr viel Zeit", murmelte er. "In zehn Tagen will er die Kohle sehen. Und diesmal gibt er sich nicht mehr mit Teilzahlungen ab."

 

Nachdem Borchardt gegangen war, starrte ich einige Zeit auf die Visitenkarte. Das Geld wäre für mich kein Problem, auch wenn ich es nie wiedersehen würde, aber würde ich wirklich das Richtige tun, wenn ich seine Schulden bezahlte? Würde er aus der Geschichte klug werden oder gleich wieder in dieselbe Falle stolpern?

 

Ich steckte die Karte in mein Schubfach und widmete mich meinen Geschäften.

 

***

 

Die folgenden Tage waren turbulent, ich sollte den Vorsitz für eine renommierte Modeausstellung machen, ein Transporter mit neuer Herbstmode war verunglückt und mitsamt Ladung in Flammen aufgegangen, eines meiner Models hatte sich ein Bein gebrochen; kurzum, ich wusste nicht, wo mir der Kopf stand. Und ich vergaß Alexander Borchardt und sein Problem bis zu dem Tag, an dem der Geldeintreiber bei ihm vor der Tür stand. Zufällig öffnete ich genau an diesem Tag die Schublade mit der Visitenkarte des Kredithais und als mein Blick darauf fiel, erinnerte ich mich schlagartig an seine Bitte. Und daran, dass ich bislang nichts unternommen hatte. Oh verdammt! Er hatte sich nicht mehr bei mir gemeldet und vermutlich damit abgefunden, dass ich ihm nicht helfen wollte. Ich drückte den Knopf der Gegensprechanlage und bat Natascha um Sofias Adresse. So kurzfristig so viel Geld zu beschaffen, war auch mir nicht möglich, aber vielleicht konnte ich ihm wenigstens beistehen.

 

***

 

Sofia und Alexander Borchardt wohnten in einer schicken Villa zwei Orte von meinem Firmensitze entfernt. Das Haus stach schon von weitem hervor und schrie förmlich den mutmaßlichen Reichtum seiner Bewohner in die Welt hinaus. Das prachtvolle Zufahrtstor stand weit offen. Ein Porsche parkte vor der Garage, schwarz mit verdunkelten Rückfenstern. Der Anblick dieses Wagens hatte etwas Beunruhigendes und ich ging automatisch einen Schritt schneller auf die Eingangstür zu. Auf mein Klingeln antwortete niemand, also lief ich ums Haus herum und suchte nach einer Möglichkeit, hinein zu gelangen. Auf der Rückseite des Hauses wurde ich fündig. Die Terrassentür zum Wohnzimmer stand offen. Die Einrichtung war edel und modern, vermutlich von einem hochbezahlten Innenarchitekten entworfen. Aus einem Nachbarzimmer hörte ich Stimmen. Leise schlich ich weiter, bis ich vor der offenen Küchentür stand. Borchardt stand mit dem Rücken zu mir gewandt in der Küche. Außerhalb meines Blickfelds war offensichtlich ein anderer Mann damit beschäftigt, ihm seine Schulden vorzulesen. Alexander Borchardt trat nervös von einem Fuß auf den anderen. "Bitte", flehte er. "Ich brauche nur noch ein paar Tage, dann habe ich das Geld zusammen."

"Das ist ja mal eine ganz neue Ausrede", war die vor Ironie triefende Antwort. Die dunkle Stimme des Mannes war laut und befehlsgewohnt. "Es ist mir egal, wie du es anstellst. Rück die Kohle raus oder unser nächster Vertrag wird mit deinem Blut besiegelt."

 

Borchardts Hand fuhr durch seine Haare, er machte ein paar Schritte rückwärts, so als teste er seinen Fluchtweg. Ohne Vorwarnung stürzte er sich auf einmal auf die Tür, hinter deren Rahmen ich mich verborgen hielt. Wie genau sein Plan aussah, wenn er denn überhaupt einen hatte, kann ich nicht sagen. Er hatte keinerlei Chancen, es bis zur Tür und nach draußen zu schaffen. Ich presste mich dicht an die Wand, Polly, der wie immer dabei war, krallte sich haltsuchend in meine Schulter, so dass ich seine Krallen durch das Jackett zu spüren bekam. Nun stürmte auch der Fremde an mir vorüber, in seiner Hand ein Messer, das gefährlich aufblitzte.

 

Plötzlich ging alles sehr schnell. Die Haustür wurde von außen geöffnet und Sofia betrat den Flur. Sie stand hinter ihrem Mann, der Fremde mit dem Messer dicht vor mir, ohne mich hinter der Tür zu bemerken. Sofia schrie auf und schlug die Hände vor den Mund, Borchardt starrte seinen Gegner an. Er rührte sich nicht vom Fleck, so als habe ihn jemand am Boden festgenagelt. Ich nutzte die Chance und warf mich mit aller Kraft gegen den Angreifer, packte seinen Unterarm, in dessen Hand er das Messer hielt und schlug ihn gegen die Wand. In dem engen Flur hatte er kaum eine Chance, sich zu rühren und das Überraschungsmoment war mein Helfer. Polly flatterte von meiner Schulter und verschwand aus meinem Blickfeld. Als sein Arm gegen die Kante der Holzvertäfelung schlug, hörte ich ein scheußliches Knacken. Reflexartig ließ er das Messer fallen. Schnell trat ich es zur Seite, so dass er nicht erneut danach greifen konnte. Sofia war vor ihren Mann gesprungen und tippte auf ihrem Handy herum, ich rang noch immer mit dem Kerl, der das Gleichgewicht verlor und stolpernd auf dem Bauch landete. Ich blieb schwer atmend an die Wand gelehnt stehen. In letzter Sekunde bemerkte ich aus dem Augenwinkel einen weiteren Fremden in der Küche, von dem ich bis dahin nichts gewusst hatte. Er hielt eine Pistole auf Sofia gerichtet und knurrte: „Lass das Handy fallen, oder ich blas dir den hübschen Kopf von den Schultern!“

Sofia starrte ihn an, doch sie hielt weiter eisern das Handy an ihr Ohr. „Hallo? Polizei? Überfall! Bitte kommen Sie…“ Sie starrte in den Mündungslauf der Pistole, machte aber keinerlei Anstalten, das Handy fallen zu lassen. Sie würde sich nicht einmal durch eine Schusswaffe aufhalten lassen.

 

Ich überlegte nicht. Ich plante nicht. Ich reagierte nur. Ohne zu wissen, was ich überhaupt vorhatte, warf ich mich in dem Moment, als der Schuss sich löste, zwischen die Kugel und Sofia. Ein dumpfer Schmerz schoss mir durch die Brust, ein ersticktes Ächzen ertönte und als ich realisierte, dass es von mir selbst kam, blieb mir die Luft weg ehe alles um mich herum von undurchdringlicher Schwärze erstickt wurde.

 

***

 

Ein nervtötendes Piepsen drang an meine Ohren und der Wunsch, dass es endlich jemand abstellen würde, wurde immer größer. Da sich niemand darum zu kümmern schien, öffnete ich meine Augen. Alles, was ich sah, war weiß. Eine weiße Decke mit einer weißen Lampe, weiße Wände, weiße Fensterrahmen, weiße Gardinen, weiße Bettwäsche. Ich hatte doch gar keine weiße Bettwäsche… Ich drehte den Kopf und betrachtete den Monitor, der sich als Übeltäter für das enervierende Geräusch herausstellte, es war ein Herzmonitor, an den ich angeschlossen war. Ich lag also im Krankenhaus. Nur langsam gelang es mir, mich zu erinnern, was geschehen war. Wo war Polly? Seit er geschlüpft war, waren wir nie getrennt gewesen, aber nun war er nirgendwo zu sehen. Hoffentlich war ihm nichts passiert.

 

Plötzlich tauchten in der Tür ein paar braune Locken auf, endlich etwas Farbe in dieser einheitsweißen Welt! "Sofia", begrüßte ich sie lächelnd und musste feststellen, dass meine Stimmbänder nur ein Flüstern zustande brachten.

"Du bist wach! Wie geht es dir?" Sie stürmte auf mich zu, stellte ihren Becher Kaffee auf meinen Nachttisch und beugte sich über mich, um mir einen Kuss auf die Stirn zu drücken. Ich schloss die Augen und genoss den Moment, denn ich wusste, mehr als einen freundschaftlichen Kuss hätte ich von ihr niemals zu erwarten.

"Ganz gut, glaube ich", krächzte ich mit einer Stimme, die wie ein rostiger Hebel quietschte und erwiderte ihren sanften Händedruck. "Was ist denn eigentlich passiert?"

Sie setzte sich neben mir und berichtete mir von den Schuldeneintreibern, die ihren Mann bedroht hatten und wie ich einem von ihnen den Arm gebrochen und mich in die Schusslinie des anderen geworfen hätte, was ihr das Leben gerettet habe. "Ohne dich wäre ich nicht mehr hier", beendete sie ihren Bericht und blickte mich dankbar an.

Ich spürte, dass ich rot wurde und winkte ab. "Das hätte doch jeder getan."

"Ganz sicher nicht! Du hast dein eigenes Leben riskiert, um meines zu retten. Das ist nichts, was man mal eben so macht oder was irgendwer erwarten könnte", widersprach sie nachdrücklich.

Ich gab mich geschlagen und verkniff mir weitere Ausführungen über mein Heldentum.

"Wir alle dachten, du seist tot. Die Polizei kam kurz nachdem der Schuss gefallen war an und du lagst reglos auf dem Boden. Sie konnten keinen Puls entdecken, die Kugel steckte in deiner Brust, wir glaubten, sie habe dein Herz getroffen."

Ich erinnerte mich an den Schmerz, als die Kugel eingeschlagen war und griff mir unbewusst an die Stelle. Ein großes Pflaster klebte auf meiner linken Brustseite. "Na offensichtlich war es ja nur halb so schlimm", meinte ich. Angesichts der geringen Anzahl von Schläuchen und Geräten, an die ich angeschlossen war, schien es gut gegangen zu sein.

Sofia schüttelte den Kopf. "Nein, es war so schlimm, wie es aussah. Auch wenn mir das niemand glauben will", betonte sie.

"Wie meinst du das?"

Als die Polizei kam und dich reglos vorfand, haben sie zunächst die beiden Geldeintreiber festgesetzt und abgeführt. Alexander war überhaupt nicht ansprechbar, er lag wie erstarrt auf der Couch und der Notarzt hat ihm später ein Beruhigungsmittel geben. Die Ambulanz brauchte einige Minuten, eher sie eintraf. Da sich niemand für mich zu interessieren schien, blieb ich neben dir hocken und wartete auf das Eintreffen der Mediziner. Ich konnte nicht aufhören zu weinen, der Schock saß mir in den Knochen und alle meinen, dass ich mir das nur eingebildet hätte. Aber ich schwöre, dass es Polly war, der dich gerettet hat!"

Sie sah mich an als erwarte sie, dass ich sie für verrückt erklären würde. Doch das tat ich natürlich nicht, denn ich kannte meinen Phoenix. Also fragte ich nur leise: "Polly?"

Sie nickte. "Ja, als wir allein waren kam er zu dir geflogen, setzte sich auf deine Brust und sträubte sein Gefieder. Er schüttelte sich heftig und eine Schwanzfeder fiel aus. Sie fing vor meinen Augen Feuer, verkohlte auf deiner Brust und als sie zu Asche verfallen war, lag die Kugel dort. Verbeult und blutig. Kurze Zeit später fing dein Brustkorb an sich zu heben und zu senken und dann war auch schon der Notarzt da und kümmerte sich um dich."

 

Während sie berichtete, hatte sie den Blick gesenkt gehalten und ihre Hände angestarrt, die meine Hand hielten und kneteten. Nun hob sie mit einem tiefen Atemzug die Augenlider und blickte mich durch ihre dichten Wimpern hindurch an. "Niemand glaubt mir die Geschichte. Sie meinen alle, das sei auf meinen Schockzustand zurückzuführen. Du wärst nie so schwer verletzt gewesen, es sei lediglich ein Streifschuss an der Brust und der Schmerz hätte dich ohnmächtig werden lassen. Aber wie sollte dich eine Kugel nur streifen, wenn du genau in die Schusslinie springst?"

 

Ich drückte ihre Hand und erwiderte ihren Blick, nickte leicht. "Wo ist Polly jetzt?" Ich hatte Angst vor der Antwort, davor, dass sie sagen würde, Polly sei für immer fort.

"Es geht ihm gut. Er ist bei uns. Alexander und ich haben ihn aufgenommen, nachdem du im Krankenwagen abtransportiert wurdest.

 

Ich holte dankbar Luft. Gottseidank. Polly ging es gut! Und er hatte eine seiner kostbaren Schwanzfedern für mich geopfert. Tränen schossen mir in die Augen und ich klimperte mit den Lidern, um sie zu vertreiben. "Du hast dir das nicht eingebildet", flüsterte ich. "Polly ist kein Papagei. Er ist etwas ganz Besonderes."

 

Später, als ich allein im Zimmer lag und Sofia längst heimgegangen war, erinnerte ich mich an meinen Gedanken, dass Polly nur bei selbstlosen Taten freiwillig seine Federn gab. Diesmal hatte ich keinen Vorteil davon gehabt, indem ich tat, was ich getan hatte. Und sein Lohn dafür war mein Leben.

 

© 2019 by Mona Silver