Oh Gott, der Kaffee ist alle...

 

Ich sitze auf einer Sommerwiese, um mich herum wehen Margeriten und Kornblumen in der leichten Brise, Schäfchenwolken treiben faul am Himmel und die Sonne wärmt mein Gesicht. Ein paar Vögel zwitschern in der Nähe und ich kaue entspannt auf einem Grashalm herum, der gleichzeitig meine angezogenen Knie kitzelt.

 

Merkwürdig, die Vögel klingen plötzlich so aufgeregt, ihr Zwitschern wird immer lauter, immer aufdringlicher... es verzerrt sich in meinen Ohren zu einem schrillen, anhaltenden Piepton. Das Kitzeln an meinem Knie wird störend, ich versuche, den Grashalm fort zu wedeln, doch ein stechender Schmerz auf meinem Handrücken zwingt mich dazu, die Hand zurückzureißen.

 

Die Schäfchenwolken verschwimmen und werden zu den Gardinen meines Schlafzimmers, das Vogelgezwitscher geht in das Geräusch des Weckers über, der nahezu hysterisch klingelt. Das Brennen auf meinem Handrücken zeugt von den Krallen meiner Katze, die schon seit geraumer Zeit versucht mich zu wecken, indem sie in genussvoller Hingabe mit ihrer rauen Zunge über meine Knie leckt. Ihre blauen Augen starren mich vorwurfsvoll an. Ich starre irritiert zurück, dann auf die Uhr. Verdammt! Ich komme zu spät zur Arbeit!

 

Hektisch strampele ich mit den Beinen, verscheuche die Katze und versuche mich von meiner Decke zu befreien, die sich zweimal um meine Taille gewickelt hat. Endlich stehe ich im Pyjama vor dem Bett und stolpere Richtung Küche. Kaffee, ich brauche Kaffee.

 

Im Dunkeln taste ich nach dem Lichtschalter, finde ihn und drücke drauf. Ein lauter Knall, die Katze faucht und gibt Fersengeld. Die Glühbirne ist durchgebrannt. Mist! Ich sehe nichts. Blind taste ich mich weiter vor und finde die Kaffeemaschine auf dem Küchentresen. Im Schrank drüber sind die Filter. Vorsichtig arbeite ich mich heran, fummele eine Papierfiltertüte aus dem Karton und lege sie behutsam in die Maschine ein. Ich bin stolz auf mich. Das alles ohne die Hand vor Augen sehen zu können! Das soll mir mal einer nachmachen! Ha! Wasser, als nächstes brauche ich Wasser. Meine Hände fahren die Maschine entlang und finden die Kanne wie erwartet auf der Warmhalteplatte. Ich packe den Griff und beflügelt von dem Gedanken, bald den Duft frischen Kaffees in der Nase zu haben, drehe ich mich schwungvoll in die Richtung, in der ich das Spülbecken und den segenversprechenden Wasserhahn vermute.

 

KLIRR! Oh nein! Ich habe vergessen, dass zwischen Kaffeemaschine und Spülbecken noch das Abtropfregal steht... Den Griff der Kanne halte ich noch umklammert, doch zu meinen Füßen liegt der Glasbehälter in Scherben. Wütend schmettere ich den jetzt nutzlosen Griff zu dem zerstörten Rest der Kanne auf den Boden und trete den Rückzug an. Ich. Brauche. Kaffee.

 

AUTSCH! Eine Scherbe bohrt sich in meinen Fußballen. Auf einem Bein hüpfe ich aus der Küche in Richtung Flur. Schnell ins Bad. Wenn ich mich beeile, kann ich mir vielleicht noch einen Kaffee im Coffeeshop auf dem Weg zur Arbeit holen. Was macht da schon so ein bisschen Blut? Ich stolpere ins Bad und werde im ersten Moment von der Helligkeit geblendet, als ich das Licht einschalte. Mein Fuß ist blutverschmiert, aber ich ignoriere die Flecken, die ich auf den Fliesen hinterlasse und putze mir in Höchstgeschwindigkeit die Zähne. Eine Katzenwäsche am Waschbecken muss reichen, ich hab es eilig. Ich. Brauche. Kaffee!

 

Zurück ins Schlafzimmer. Socken. Ich zerre das erstbeste Paar aus der Schublade und ziehe es über. Mein großer Zeh ist blutverschmiert und das Loch in der Socke tut nichts dafür, dies zu verbergen. Mist! Egal. Keiner sieht meine Füße, ich hab ja schließlich Schuhe an! Ich ziehe ein Hemd aus dem Schrank und merke zu spät, dass ich noch Blut an den Fingern habe. Oh verdammt, ein Fleck! Egal. Ich trage ja ein Jackett, das sieht keiner. Hose. Die Schwarze ist in der Wäsche, also ziehe ich die Graue an. Der Reißverschluss klemmt schon seit einiger Zeit, aber er geht noch ... nein. Er geht nicht mehr zu. Scheiße. Egal. Ich trag einfach das Hemd über der Hose, das ist modern, kein Mensch wird was merken! Schließlich sind wir eine hippe Werbefirma! Zum Schluss noch das Jackett, passt! Perfekt!

 

Auf dem Weg raus schnappe ich meine Aktentasche und den Wohnungsschlüssel und ziehe die Tür hinter mir zu. Sie fällt ins Schloss und ich drehe mich um, um abzuschließen. Nach halber Drehung werde ich jäh gestoppt. Mein Jackett hat sich in der Tür verheddert und ein Zipfel hängt nun in der Wohnung, der Rest ist mit mir hier draußen. Umständlich. Aber kein Beinbruch. Der Schlüssel ... Das Schlüsselloch ... Oh gottverdammter Mist! Das ist nicht der Wohnungsschlüssel! Das ist der Autoschlüssel! Und die Tür geht nicht mehr auf. Krampfhaft zerre ich an meiner Jacke. Vor Wut sehe ich im wahrsten Sinne des Wortes rot. Ein reißendes Geräusch befreit mich schließlich. Die Ecke meines Jacketts hängt noch in der Tür, aber ich kann wenigstens endlich gehen. Ich. Brauche. Kaffee!!

 

Ich hetze zur U-Bahn, schubse auf dem Weg dorthin einen Obdachlosen zur Seite, der mich um einen Euro anbettelt. Ich. Brauche. Kaffee!!!

 

Die U-Bahn fährt mir vor der Nase weg. Verdammtverdammtverdammt! Die nächste kommt in sieben Minuten. Mein Fuß tappt nervös im Sekundentakt und zählt die 420 Sekunden mit, die ich warten muss. Es werden 578 Sekunden, die verdammte Bahn ist zu spät! Ich. Brauche. Kaffee!!!!

 

Endlich, meine Station. Ich stürze aus der Bahn, die Stufen hinauf in den U-Bahnhof. Der Coffeeshop ist nicht mehr weit. Gleich um die Ecke. Meine Finger suchen bereits in der Jackentasche nach dem Kleingeld. Ich meine, ein quietschendes Bremsgeräusch zu hören, als ich mitten im Sprint zum Stehen komme. Fassungslos starre ich auf das Schild: "Wegen Umbauarbeiten geschlossen. Wiedereröffnung in 14 Tagen." Meine Hand mit dem Kleingeld beginnt zu zittern. Die Münzen rollen durch den U-Bahnhof und ein Kollege des Bettlers von eben stürzt sich darauf. Ich. Brauche. KAFFEE!!!!

 

Ich hole tief Luft und versuche, die rote Farbe aus meinen Augen weg zu blinzeln, die meinen Blick trübt. Das Spiegelbild in der Glastür des Coffeeshops zeigt mir einen abgerissenen Kerl mit blutunterlaufenen Augen. Mein Energiespeicher droht sich spontan zu entleeren. Meine Faust ballt und öffnet sich, ballt und öffnet sich. Auf dem Absatz drehe ich mich herum und rase im Laufschritt los. Die letzte Hoffnung ist jetzt der Kaffeeautomat im Büro. Ein Quell des Glücks, so oft unterschätzt und immer für jeden da.

 

Auf dem Weg ins Büro rempele ich eine alte Dame um, die mitsamt ihrer Gehhilfe im Straßengraben landet. Ich. Brauche! KAFFEE!!!!

 

Ein Dackel zerrt sein Herrchen über die Straße und ich bleibe in seiner Leine hängen. Ich renne einfach weiter und überhöre das Winseln des Hundes, der mit seinen kurzen Beinen kaum mit meinen Schritten mithalten kann. Ich! BRAUCHE! KAFFEE!!!!

 

Dackel und Herrchen bleiben atemlos zurück, als ich in den Fahrstuhl springe, der mich in den zehnten Stock unseres Bürogebäudes transportiert. Dem dicken Mann, der im sechsten Stock so lange braucht, ehe er endlich durch die Fahrstuhltür kommt, helfe ich mit einem kräftigen Tritt gegen seine schwabbelige Pobacke hinaus. ICH! BRAUCHE! KAFFEE!!!!

 

Im Büro rase ich als allererstes ungebremst in die Gemeinschaftsküche und stürze mich auf den Kaffeeautomaten. Frau Möller nimmt sich gerade den letzten Rest der ersten Kanne des Tages. Ich sehe das schwarze, flüssige Gold in ihrem Mund verschwinden und kleine Speicheltropfen bilden sich in meinen Mundwinkeln. Schweißperlen treten mir auf die Stirn. Meine Zunge ist ausgetrocknet und klebt an meinem Gaumen. Ein fassungsloses Wimmern kommt über meine Lippen. Diese dumme Kuh konnte ich noch nie leiden. Und jetzt das! ICH! BRAUCHE! KAFFEEEE!!!!

 

Ich reiße die Schranktür auf und suche nach der Kaffeedose. Kaffeebecher, Gläser, alles fliegt ohne Rücksicht auf Verluste hinaus und landet irgendwo im Raum. Endlich, die Kaffeedose! Mit klopfendem Herzen öffne ich den Deckel und angele nach dem Kaffeelöffel. Der steckt weit unten…  Oh Gott, DER KAFFEE IST ALLE! Frau Möller trinkt achtlos ihren letzten Schluck, stellt ihre Tasse in die Spüle und sagt: "Wir haben kein Kaffeepulver mehr. Die Kaffeekasse ist leer. Niemand hat etwas geben wollen, jetzt gibt es eben keinen Nachschub mehr. Ich sehe nicht ein, dass immer ich den Kaffee für alle zahle und besorge." Irre ich mich, oder klingt ihre Stimme schadenfroh?

 

Ich stütze mich kurz mit beiden Händen auf dem Tresen ab und drehe mich langsam um. Ganz langsam. Ich kneife meine Augen zu schmalen Schlitzen zusammen und und sehe noch ihren Unterkiefer runterklappen, als sie mich verängstigt anstarrt. "Geht es Ihnen nicht gut, Herr Bürger?", fragt sie.

 

Ob es mir nicht gut geht? OB ES MIR NICHT GUT GEHT?! ICH! BRAUCHE! KAFFEEEEE!!!! JETZT!

 

Als sich der rote Schleier vor meinen Augen hebt, sitze ich in einer kargen Zelle auf dem Polizeirevier. Ich kann mich an die vergangenen Stunden nur schemenhaft erinnern. Bilder von Frau Möller, die mit hervortretenden Augen keuchend vor mir steht und mich anguckt wie ein Lamm auf der Schlachtbank. Karl-Heinz, der mich an den Schultern packt, weil … Ja, warum eigentlich?

 

Kaffeeduft streicht um meine Nase, die Polizeibeamten machen gerade Pause und versammeln sich um einen Tisch, jeder mit einer Tasse Kaffee in der Hand. Der letzte hebt die leere Kanne und schaut mit fragend in die Höhe gereckter Augenbraue in die Runde. Oh Gott. Der Kaffee ist alle.

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© 2019 by Mona Silver