Der Lottoschein

So hilfreich der Geldsegen auch gewesen war, die Rechnungen hatten das meiste innerhalb kürzester Zeit aufgefressen. Zu allem Überfluss machte mir auch noch das Getriebe meines alten Golfs Probleme und die Reparatur fraß erneut ein riesengroßes Loch in meine Taschen. Ich war wieder da, wo ich angefangen hatte: Pleite. Wegen des mangelnden Kleingelds wurde mein Leben immer langweiliger. Es gibt nicht viel, was man tun kann, wenn man kein Geld hat. Alles im Leben scheint Geld zu kosten. Also gingen Polly und ich viel spazieren. 

Bei einem dieser Streifzüge schielte ich im Vorbeigehen sehnsüchtig auf die Plakate eines Reisebüros und überlegte mir, was ich wohl lieber machen würde: Zwei Wochen Ägäis All Inclusive oder doch lieber eine Städtereise nach New York. Ich beglückwünschte mich gerade selbst dazu, dass ich mich aufgrund des fehlenden Geldes gar nicht entscheiden müsse, als ich im Augenwinkel sah, wie ein junger Mann aus einem Lottoannahmegeschäft trat und über die Fußmatte auf der obersten Stufe stolperte. Er konnte sich grade so fangen, fluchte leise vor sich hin und ging dann seines Wegs. Etwas war aus seiner Tasche gefallen und zu Boden gesegelt. Ich ging hin und sah nach, was es war. Neben den Stufen lag ein ausgefüllter Lottoschein. Ein Lottogewinn, das käme mir gerade recht. Aber ich hatte nie Glück beim Spielen gehabt und der Einsatz für die Teilnahme wäre rausgeschmissenes Geld gewesen. 

Mein Blick fiel auf Polly, der auf meiner Schulter saß und leise mit dem Schnabel knirschte. Leider funktionierten seine Federn nicht, wenn ich sie für mich selbst einsetzen wollte. Das hatte ich schon mehrfach ausprobiert und jedes Mal hatte er mich ignoriert. Einen Lottoschein kaufen und in Bares umwandeln, war also keine Option. Aber dieser Lottoschein war ja nicht meiner... Möglichst unauffällig tat ich so, als würde ich mir den Schuh zubinden. Als ich mich wieder aufrichtete, hielt ich den Lottoschein in der Hand und ließ ihn in meiner Jackentasche verschwinden. Polly plusterte sich auf und schüttelte sich energisch, blieb aber auf meiner Schulter sitzen. 

Zu Hause angekommen setzte ich Polly auf der Stuhllehne in der Küche ab und legte den Lottoschein vor ihn auf den Tisch. Er legte den Kopf schief und starrte mich an. "Na komm schon, Polly", sagte ich leicht genervt. "Du weißt genau, was ich will!" Sein Kopf neigte sich zur anderen Seite und mein Feuervogel zog den linken Fuß in sein Gefieder, so wie er es immer machte, wenn er es sich gemütlich machen wollte. Ich fuhr mir ungeduldig mit der Hand durch die Haare und setzte mich Polly gegenüber auf den Stuhl. Dann nahm ich den Lottoschein in die Hand und sagte: „Vier Federn dir zu helfen. Vier Taten zu vollbringen. Wählst du den rechten Weg, dem Glück nichts mehr im Wege steht.“ Gestört durch die magischen Worte krähte Polly mich erbost an, aber er musste den Worten Folge leisten, drehte sich um und schüttelte die vierte Feder aus seinem Schwanz. Sie segelte auf den Tisch und blieb neben dem Lottoschein liegen. 

"Na also, geht doch!", sagte ich und griff danach. Unter meiner Berührung fing sie Feuer und zerfiel zu goldfarbenem Staub, der sich wie ein Flitterregen über den Schein verteilte. Als der Staub sich verzogen hatte, hatte sich nichts geändert. Der Lottoschein lag immer noch genauso da wie zuvor. Er sah genauso aus und misstrauisch blickte ich zu Polly hinüber. "Und was jetzt?", fragte ich ihn. Natürlich erhielt ich darauf keine Antwort. 

Es war Donnerstagnachmittag und die Ziehung der Lottozahlen wäre erst am Samstag. Ich übte mich in Geduld. 

 

*** 

 

Am Freitagmorgen stand ich schon früh auf. Ich war nervös und konnte die Anspannung des Wartens auf die Lottoziehung kaum mehr ertragen. Um mich abzulenken begann ich, die Wohnung auf Hochglanz zu trimmen. Ich räumte auf, saugte die Teppiche, schrubbte die Böden, ich räumte sogar den Kühlschrank aus und wischte ihn komplett aus. Als ich mich gegen Mittag an den Tisch setzte, um etwas zu essen, saß mir Polly gegenüber auf seiner Stuhllehne. Seine Augen wirkten trübe, sein Gefieder sah irgendwie struppig aus. "Was ist los mit dir?", fragte ich. "Du wirst doch nicht krank werden?" Im Internet hatte ich gelesen, dass Vögel oft schlapp sind und das Gefieder stumpf wird, wenn sie in die Mauser kommen. Vielleicht würde er bald neue Federn bekommen, dachte ich. Da er nie fraß, war sein Appetit kein Maßstab für sein Wohlbefinden. Ich kraulte ihn unterm Kinn und er schloss genießerisch die Augen. Er war sicher in Ordnung. Schließlich hatte er die Möglichkeit mit mir zu kommunizieren, er hätte mir sicher mitgeteilt, wenn etwas nicht stimmte. Von meinen eigenen Gedanken beruhigt, machte ich mich wieder an die Arbeit und begann die Vitrine auszuräumen. 

 

*** 

 

Am Samstag konnte ich es kaum noch erwarten, dass endlich die Lottozahlen bekannt gegeben wurden. Gespannt saß ich mit dem Schein in der Hand vor dem PC und starrte auf den Monitor. Der Moderator erklärte lang und breit, dass der Jackpot der letzten Ziehung nicht geknackt worden war und somit die Chance auf fünf Millionen Euro für sechs Richtige mit Superzahl bestand. Mit jeder Zahl, die ausgerufen wurde, erhöhte sich mein Herzschlag. Endlos lang schien es zu dauern, ehe die Kugeln ihren Weg zum Ausgang fanden und die Zahlen preisgaben. Am Ende hatte ich tatsächlich genau die Zahlenfolge, die gezogen worden war, inklusive Superzahl. Ich hatte Mühe, meine Atmung unter Kontrolle zu halten. Meine Hand zitterte, als ich den PC ausschaltete und fieberhaft darüber nachdachte, was ich jetzt am besten als erstes machen sollte. Zur Lottoannahmestelle gehen? Irgendwo - oder irgendwen - anrufen? Wie würde das überhaupt alles funktionieren? Würde man meinen Namen in die Zeitung drucken? Ganz kurz erinnerte ich mich an den jungen Mann, dessen Lottoschein ich in der Hand hielt. Er würde nie davon erfahren, vermutlich hatte er seine getippten Zahlen längst vergessen. Ich verdrängte den Gedanken an ihn und verstaute den Lottoschein sorgfältig in meinem Portemonnaie. Ein Blick auf die Uhr zeigte, es war zu spät, um noch in den Laden zu gehen. Ich musste mich wohl bis Montag gedulden. Enttäuscht sah ich mich in der Wohnung um. Mein Körper war voller Adrenalin, ich war aufgeputscht und wusste nichts mit mir anzufangen. Spontan entschied ich mich, bei Frau Sander vorbei zu schauen. Sie wäre bestimmt zu Hause und irgendwem musste ich doch davon erzählen. Polly stieg auf meine Schulter und gemeinsam gingen wir zwei Stockwerke tiefer. Frau Sander freute sich, uns zu sehen. Wir setzten uns in ihr Wohnzimmer, wo sie ein paar Kekse und eine Tasse Tee servierte. Die Worte sprudelten nur so aus mir heraus, als ich ihr von meinem Gewinn berichtete. Ich hatte noch nicht zu Ende gesprochen, da sprang sie schon für ihr Alter erstaunlich behende auf und fiel mir freudig um den Hals. Sie gratulierte mir herzlich und umarmte mich. Ihre von Lachfältchen umrandeten braunen Augen blitzten fröhlich. Dann fragte sie deutlich leiser, ob ich denn mit dem vielen Geld bald ausziehen wolle. Als Millionär würde man doch sicher nicht im Plattenbau wohnen wollen. Plötzlich machte sie ein trauriges Gesicht. Ich war perplex. Darüber hatte ich noch gar nicht nachgedacht. Keine Ahnung, was sich nun alles ändern würde! Aber ich beruhigte sie und sagte, wenn ich ausziehen würde, würde ich sie einfach mitnehmen. Daraufhin wurde sie rot bis an die Haarspitzen und lachte ihr glucksendes Lachen, das ich so gerne an ihr hörte. Einige Zeit später, wir hatten zur Feier des Tages eine Flasche Wein geöffnet und einen kitschigen Film auf Sat1 angeschaut, fiel Frau Sanders Blick auf Polly. "Meine ich das nur, oder ist ihr Vogel abgemagert?", fragte sie. "Finden Sie?" Ich blickte zu Polly auf meiner Schulter, aber mein Blickwinkel war nicht wirklich hilfreich, ich erkannte nichts Ungewöhnliches. Dass Polly nichts fraß, wusste auch Frau Sander nicht. Für sie war mein Phoenix ein Papagei. Aber sie sah Polly seltener als ich und konnte Veränderungen sicher eher erkennen. "Ich weiß es nicht genau, aber ich nehme an, dass er in die Mauser kommt. Sein Gefieder ist auch stumpfer als sonst", erwiderte ich. Trotzdem konnte ich mich eines schlechten Gefühls nicht erwehren, das mich immer öfter beschlich, wenn ich Polly ansah. 

 

*** 


Am Montag war ich schon kurz nach Öffnung der Lottoannahmestelle dort. Einige Kunden standen vor mir an der Kasse und mit Schrecken sah ich, dass der junge Mann, dessen Lottozettel ich gefunden hatte, aufgeregt mit dem Kassierer debattierte. "Ich habe den Schein doch hier gekauft, Sie müssen sich doch an mich erinnern!", rief er aufgebracht, aber der Verkäufer zuckte nur mit den Schultern. "Tut mir leid, ohne Nachweis kann ja jeder kommen und behaupten, sechs Richtige zu haben." 

In meinem Hals bildete sich ein harter Knoten und ich versuchte krampfhaft, um ihn herum zu atmen. Ich machte mich so klein wie möglich und verkroch mich hinter dem aufgestellten Kragen meines Anoraks. Polly machte auf meiner Schulter einen aufgeregten Tanz und ich versuchte, ihn unauffällig zu beruhigen. "Sei still!", zischte ich und kraulte ihn am Bauch. Doch Polly war nicht gut gelaunt und schnappte nach meiner Hand. "Autsch!", flüsterte ich und zog meine Hand weg. "Lass den Unsinn!" Vor mir drehte sich eine Kundin um und betrachtete uns wortlos. Ich schluckte. Schließlich gab der junge Mann auf und verließ wütend den Laden. Polly krähte mir ins Ohr, zog an meinem Ohrläppchen und wollte sich nicht beruhigen. 

Als ich schließlich an der Reihe war, überreichte ich dem Kassierer meinen Lottoschein. Seine Augen wurden tellergroß als er die richtigen Zahlen erkannte. "Wow! Herzlichen Glückwunsch!", posaunte er. "Sie sind mein erster Jackpot!" Ich grinste verlegen. Eilig rannte er zum Telefon und wählte die Nummer der Lottogesellschaft. "Wir haben sechs Richtige plus Superzahl!", sagte er in den Hörer. Seine Stimme war so laut, dass es alle im Geschäft hören konnten. "Der Name?" Er drehte sich zu mir um und hob fragend eine Augenbraue. Ich räusperte mich. "Stefan Reiter." Ich flüsterte meinen Namen, um nicht noch weiter aufzufallen. Die Kundschaft im Laden war ohnehin schon völlig aus dem Häuschen, einige hatten sogar ihre Handys rausgekramt und machten Fotos von mir. Der Ladenbesitzer kam zurück und schüttelte mir überschwänglich die Hand. "Herzlichen Glückwunsch, Herr Reiter. Lassen Sie mir Ihre Adresse da. Die Lottogesellschaft wird alles Weitere in die Hand nehmen." 

In dem Moment, in dem ich ihm den Zettel mit meinen Kontaktdaten überreichte, stieß Polly einen seiner ohrenbetäubenden Schreie aus, der alle im Raum zusammenzucken ließ. Meine Ohren dröhnten, mein Kopf rauschte, ich ging wie auf Watte. Was für ein Tag! Das musste gefeiert werden! Ich ignorierte Polly und verließ mit adrenalingefüllten Adern den Laden.

© 2019 by Mona Silver