Der Schlüssel

Seit ich arbeitslos war, ging ich jeden Montag- und Donnerstagmorgen einkaufen. Ich genoss es, schon früh loszugehen und nicht mehr das Gedränge und Gewusel in den Supermärkten am Samstag ertragen zu müssen. Frau Sander, eine alte Dame, die im zweiten Stock meines Hauses wohnte, hatte den gleichen Rhythmus und ich traf sie regelmäßig im Fahrstuhl. Sie war eine liebe, alte Frau, die seit acht Jahren verwitwet war und sich dankbar in ein Gespräch verwickeln ließ. Daher wusste ich, dass sie keine Familie hatte und völlig auf sich allein gestellt war. Ein paar Mal hatte ich ihr etwas vom Laden mitgebracht, wenn es ihr gesundheitlich nicht so gut ging. 

Als ich also eines Montags vergeblich darauf wartete, ihr im Fahrstuhl zu begegnen, klingelte ich kurzentschlossen an ihrer Tür. Alles blieb still und ich klopfte an die Tür. „Frau Sander? Hier ist Stefan Reiter. Ist alles in Ordnung bei Ihnen?“ Wieder antwortete sie nicht und ich begann mir ernsthafte Sorgen zu machen. Sie hatte weder erzählt, dass sie verreisen würde noch war es typisch für sie, nicht pünktlich aufzubrechen. Dafür freute sie sich viel zu sehr auf unser Schwätzchen, wie sie mir mal mit einem verlegenen Lächeln verraten hatte. Ich klopfte noch einmal lauter an die Tür, aber nichts war zu hören. Ich war ratlos. Sollte ich die Polizei benachrichtigen? Oder würde ich mich damit lächerlich machen? 

Polly drehte sich auf meiner Schulter um und spreizte seine Schwanzfedern, von denen seit dem Vorfall mit der Geldbörse nur noch sechs übrig waren. 

Sechs Federn dir zu helfen. Sechs Taten zu vollbringen. Wählst du den rechten Weg, dem Glück nichts mehr im Wege steht. 

Damit schüttelte er sich und eine Schwanzfeder segelte zu Boden. Ihr rot glühender Rand hob sich deutlich von der schwarzen Fußmatte vor Frau Sanders Türschwelle ab. Ich schaute Polly stirnrunzelnd an. „Was führst du denn jetzt im Schilde?“, murmelte ich und bückte mich nach der Feder. Auch sie fing bei meiner Berührung Feuer und zerfiel zu Staub. Statt der Feder hielt ich einen Schlüssel in der Hand, der perfekt ins Türschloss passte. Ich schloss auf und rief in die Wohnung hinein: „Frau Sander? Sind Sie zu Hause?“ Ein leises Stöhnen drang aus dem Schlafzimmer und ich lief hin, um nachzusehen. Frau Sander lag auf dem Bauch neben dem Bett, ihr Gesicht war von mir abgewandt und sie wimmerte vor Schmerz. Ich stürzte auf sie zu und wählte gleichzeitig den Notruf. Da ich nicht wusste, was ihr fehlte, wollte ich sie nicht bewegen, sondern blieb bis zum Eintreffen des Notarztes neben ihr auf dem Boden hocken. Der Notarzt stellte eine gebrochene Hüfte fest und sie wurde ins Krankenhaus gebracht. 

Am nächsten Tag wollte ich sie dort besuchen. Ich hatte einen großen Strauß Blumen, etwas frisches Obst und eine Schachtel Pralinen besorgt. Polly wollte ich eigentlich zu Hause lassen, aber er ließ sich nicht abschütteln und blieb hartnäckig auf meiner Schulter sitzen. Genervt gab ich es auf und nahm ihn mit, sicher, dass man mich mit dem Vogel auf der Schulter nicht zu Frau Sander ins Krankenzimmer lassen würde. Doch zu meinem eigenen Erstaunen hielt mich niemand auf und niemand schien Polly auch nur zu bemerken. 

Der Patientin ging es schon viel besser und sie strahlte mich dankbar an, als ich den Raum betrat. „Herr Reiter, Sie sind mein Schutzengel!“, begrüßte sie mich überschwänglich und breitete die Arme aus, um mich an sich zu drücken. „War doch selbstverständlich, Frau Sander. Nicht der Rede wert“, antwortete ich gedämpft, während mein Kopf gegen ihre flache Brust gedrückt wurde. 

Ich besuchte sie täglich, solange sie im Krankenhaus war und holte sie am Tag ihrer Entlassung ab. Die folgenden Wochen waren noch schwierig für sie, sie konnte noch nicht so gut laufen, also half ich ihr auch weiterhin mit Besorgungen oder beim Saubermachen. Sie machte den besten Kaffee, den ich je getrunken hatte in ihrer alten Kanne mit Porzellanfilter und wir zelebrierten unsere Nachmittagstreffen wie ein Heiligtum. Es machte mir Spaß, mich um sie zu kümmern. Eines Nachmittags holte sie bei einer dieser Gelegenheiten ein Blatt Papier heraus. „Mein lieber Stefan, ich habe hier etwas, das ich Ihnen geben möchte.“ Sie hielt mir das Blatt hin und ich griff ahnungslos danach. „Testament“ stand in dicken Druckbuchstaben am oberen Rand des Papiers. Erschrocken blickte ich hoch und wollte es ihr zurückreichen: „Frau Sander, bitte, das ist viel zu persönlich, das sollte ich nicht lesen.“ Aber sie schob meine Hand zurück und schüttelte den Kopf. „Nein, mein Lieber, das ist für Sie. Ich möchte es so“, betonte sie. Ich schluckte und begann die saubere, ordentliche Handschrift zu lesen: 

Ich bestimme hiermit, dass Herr Stefan Reiter mein Alleinerbe sein soll. 

Darunter standen das Datum, der Ort und ihre geschwungene Unterschrift. 

Ich war sprachlos und starrte sie mit offenem Mund an, aber sie ignorierte es und fragte geschäftig: „Was meinen Sie, reicht das so? Oder muss das noch ein Zeuge unterschreiben?“ 

„Ich… ich weiß nicht“, stotterte ich ahnungslos. 

„Es ist nicht viel, aber ich habe dank meines Mannes eine schöne Rente. Seit mein Oskar nicht mehr lebt, habe ich keine Lust mehr, mein Geld in Kleidung oder Schnickschnack zu stecken, darum konnte ich eine bescheidene Summe ansparen. Wir waren ja leider nie mit Kindern gesegnet, mein Oskar und ich, es gibt also ohnehin keine Erben. Und Sie sind mir sehr ans Herz gewachsen in den vergangenen Monaten.“ Sie schaute mich aus ihren braunen Augen so liebevoll an, dass mir die Röte in die Wangen stieg. „Aber…“, versuchte ich es erneut, doch sie unterbrach mich resolut: „Kein Aber! So habe ich es beschlossen und so soll es sein! Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir helfen, das Testament zu einem Notar zu bringen, damit es offiziell gemacht werden kann.“ Behutsam legte ich das Blatt Papier zwischen uns auf den Tisch und strich es glatt. 

In dem Moment, in dem ich mein Einverständnis durch ein stummes Nicken kundtat, stieß Polly einen markerschütternden Schrei aus, der in den Ohren schmerzte. Frau Sander hielt sich lachend die Ohren zu und meinte: „Sehen Sie, auch Ihr Papagei findet, dass es das Richtige ist.“ Ich nickte wortlos und schielte heimlich zu Polly hinüber. Doch Polly verstummte wieder und blieb unbeteiligt auf meiner Schulter hocken. 

 

***


Pollys magische Schwanzfedern beschäftigten mich seit der Sache mit der Börse. Der Schlüssel zu Frau Sanders Wohnung war der Beweis, dass ich mir nichts eingebildet hatte. Mein Blick fiel auf Pollys Schwanz, wo jetzt nur noch fünf Schwanzfedern vor sich hin glühten. War das Feuer schwächer geworden? Vorsichtig fuhr ich mit dem Finger darüber, wie immer fasziniert von der Tatsache, dass das Feuer mich weder verletzte noch seine Umgebung in Brand zu setzen vermochte. Nein, es war alles in Ordnung. Polly sah so schön aus wie eh und je. Und er würde mir sicher sagen, wenn es ihm schlecht ginge. Die beiden Schwanzfedern waren nicht wieder nachgewachsen, aber vielleicht müsste man bis zur Mauser warten. Ich kannte mich mit Vögeln nicht aus und aufgrund der Tatsache, dass Polly kein gewöhnlicher Vogel war, zögerte ich, ihn zum Tierarzt zu bringen. 

Sanft kraulte ich ihm den Hals, woraufhin er wie gewohnt den Kopf schief legte und genießerisch die Augen schloss. „Deine Federn scheinen ein Helfersyndrom zu haben, was?“, murmelte ich.

 

Pollys Federn - Illustration von C. Fabian

Illustration (c) Claudia Fabian

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