Der Steckbrief

Es war Januar. Der teuerste Monat des Jahres. Als ich den Briefkasten öffnete, fielen mir die Rechnungen schon entgegen. Warum wollte eigentlich jeder sein Geld zu Anfang des Jahres? Früher, als ich noch einen Job hatte, musste ich mir da keine Gedanken drum machen. Ich zahlte meine Rechnungen und kaufte, was mir gefiel. Aber die Zeiten waren vorüber. Meine Firma hatte pleite gemacht und ich war als einer der letzten Mitarbeiter entlassen worden. Einen neuen Job zu finden, war mir bislang nicht gelungen. Betriebswirte gibt es wie Sand am Meer und ich hatte mich nie spezialisiert. War in meiner Firma ausgebildet worden und hatte die Hälfte meines Arbeitslebens dort verbracht. Mein Lebenslauf war wohl zu langweilig für andere Arbeitgeber. Seufzend legte ich die ungeöffneten Briefe auf den Tisch und widmete mich erst mal der Tageszeitung. Ja, ich neigte dazu, die Dinge zu verdrängen. Die Lektüre lenkte mich von eigenen Problemen ab. 

Ich blieb an einem Artikel über einen Einbruch hängen. Vier bislang Unbekannte hatten sich als Polizisten getarnt Zugang in das Haus eines gutbetuchten Ehepaars verschafft. Aus dem Tresor erbeuteten sie laut Pressebericht Bargeld, Goldbarren und eine Rolex-Herrenuhr GMT Master II Oyster Perpetual. Die Täter waren mit der Beute entkommen und ließen das Ehepaar gefesselt zurück. Die Opfer konnten sich selbst befreien und erlitten nur leichte Verletzungen. Die Polizei bat um sachdienliche Hinweise zum Aufenthaltsort der Täter oder den Verbleib der Beute. 

Besonders der letzte Satz weckte mein Interesse: Das Ehepaar wollte jedem, der Hinweise zu den Tätern geben konnte, die zu deren Ergreifung führten, eine Belohnung von 5000 Euro zahlen. 

Die kämen mir gerade recht… Ich schielte auf Polly, der wie üblich auf meiner Schulter hockte und so aussah, als lese auch er in der Zeitung. „Kannst du da nicht was machen?“, fragte ich ihn, aber er legte bloß den Kopf schief und sah mich mit seinem leuchtenden Auge stumm an. 

Ich legte die Zeitung weg und begann meine Post zu sortieren. Kfz-Steuer, Versicherungsbeiträge, Nachzahlung der Nebenkosten und der Jahresbeitrag für die Rundfunkgebühren summierten sich. Insgesamt kostete mich dieser Stapel Rechnungen über 2000 Euro, der ohnehin schon strapazierte Dispokredit würde noch weiter wachsen. Verdammt, irgendwie musste ich Geld ranschaffen. Oder meine Ausgaben noch weiter einschränken. Aber das fiel mir schwer. Ich war mit Mitte vierzig einen gewissen Lebensstandard gewöhnt, ich wollte nicht verzichten, nachdem ich mich all die Jahre krumm gemacht hatte für ein paar Mäuse. Wütend fuhr ich mit dem Arm über den Tisch und fegte die Rechnungen zu Boden. Polly riss erschrocken die Augen auf, aber auch von meinem Gefühlsausbruch ließ er sich nicht nachhaltig aus der Ruhe bringen und blieb hartnäckig auf meiner Schulter sitzen. Ein Seufzen kam mir über die Lippen. Hatte ich früher so oft geseufzt? Ich glaube nicht. Nun starrte ich auf die am Boden verteilte Post und wartete auf ein Gefühl der Erleichterung. Was sich natürlich nicht einstellte. Das einzige, was mir der Wutausbruch brachte war, dass ich nun die Briefe alle wieder aufheben durfte. Ich musste eine Lösung finden. Einen Ausweg aus der sich immer schneller drehenden Spirale in den finanziellen Abgrund. 

Der Artikel über den Einbruch ging mir nicht mehr aus dem Kopf und ich beschloss, in dem Villenviertel vorbeizufahren, wo die Tat stattgefunden hatte. Was ich mir davon eigentlich versprach, wusste ich selbst nicht so genau. Aber ich hatte eh nichts Besseres zu tun, warum also nicht? 

Das Villenviertel liegt in einem Randgebiet unserer Stadt. Von den üblichen Hochhäusern in Einheitstristesse führt die Straße weiter Richtung Norden. Ein kleiner Bach trennt die normalen Leute von den Reichen und Schönen. Sobald man die Brücke überquert hat, werden die Straße breiter, die Grundstücke größer, die Hecken höher und das Gras irgendwie auch grüner. Selbst im Januar sah der Rasen in den ausgedehnten Vorgärten gepflegter aus als anderswo. Es lag kein Schnee. Wie eigentlich nie in unserer Gegend. Der Winter zeichnete sich durch Feuchtigkeit, Kälte und endlos dunkle, graue Tage aus. Passend zu meiner Stimmung, die beim Anblick von all dem Protz und Pomp um mich herum nicht besser wurde. Ich parkte den Wagen. Ein Spaziergang würde mir vielleicht gut tun. Mein zwölf Jahre alter Golf sah mit seinen rostigen Stellen und der stumpf gewordenen Lackierung fehl am Platz aus. Nirgendwo parkten hier Autos an der Straße. Die wenigen Wagen, die nicht in den schicken Garagen mit ihren elektrisch betriebenen Toren standen, waren große, dunkle Luxuskarossen, deren edle Innenausstattung mehr kostete als mein ganzes Auto. Kein Mensch war weit und breit zu sehen. Die Leute verbarrikadierten sich hinter ihren Zäunen. 

Ich lief die Straße hinab und begutachtete die Häuser, oder das, was man von ihnen sehen konnte. Einige waren hinter dichten Hecken aus immergrünen Pflanzen völlig versteckt. Als ich zu dem Haus kam, in dem laut Artikel der Einbruch stattgefunden hatte, war auch hier weit und breit niemand zu sehen. Auf dem Klingelschild stand in kursiver Schönschrift „Familie Hagenbrecht“, neben dem Klingelknopf war die Gegensprechanlage angebracht. Die Auffahrt zur Garage war mit Steinfliesen ausgelegt und die edle Haustür aus lackiertem Eichenholz war über vier Stufen zu erreichen. Der Garten war winterfest hergerichtet, aber die leeren Pflanzkübel deuteten darauf hin, dass hier im Sommer eine üppige Blumenpracht erblühen würde. 

Am schmiedeeisernen Tor, das den Zutritt zum Grundstück verwehrte, entdeckte ich einen Steckbrief, der noch einmal die Belohnung von 5000 Euro auslobte. Das unscharfe Foto einer Überwachungskamera zeigte vier Personen in Polizeiuniformen vor der Garageneinfahrt. Am unteren Rand war der Zettel eingeschnitten, so dass man die darauf gedruckte Telefonnummer mitnehmen konnte. Ich riss einen Schnipsel davon ab und blieb unschlüssig stehen. Was nun? Ich hatte keine Hinweise, ich war ja gar nicht hier gewesen. Polly plusterte sich auf meiner Schulter auf und trat von einem Fuß auf den anderen, aber er sagte nichts. Schließlich legte ich den Zettel auf den Boden und hockte mich davor. Dann sagte ich: „Fünf Federn dir zu helfen. Fünf Taten zu vollbringen. Wählst du den rechten Weg, dem Glück nichts mehr im Wege steht.“ 

Polly krächzte empört auf, aber die Worte schienen ihn zum Handeln zu zwingen. Er zögerte etwas, drehte sich schließlich um und ließ eine Schwanzfeder auf den Boden fallen. Dann schüttelte er sein Gefieder und nahm wieder seinen angestammten Platz auf meiner Schulter ein. Ich griff nach der Feder, die unter meiner Berührung wie erwartet Feuer fing. Nachdem sie zu Staub verfallen war, lag an ihrer Stelle ein Flugblatt, das auf einen Flohmarkt aufmerksam machte. Der Markt sollte am darauffolgenden Sonntag auf dem Parkplatz eines großen Baumarkts stattfinden. „Was meinst du Polly, wollen wir da am Sonntag mal vorbei gehen?“ Polly schwieg. 

 

*** 

 

Als der Flohmarkt am Sonntagmorgen um zehn Uhr begann, wartete ich schon darauf, dass die Stände geöffnet wurden. Es dauerte nicht lange, bis ich fand, wonach ich suchte: Ein Stand mit Modeschmuck, alten Medaillons, Schlüsselanhängern und Uhren. Inmitten der meist billigen Imitate lag eine Herrenarmbanduhr, die zwischen den anderen deutlich hervorstach. Ihre rot-blaue Färbung war auffällig und auf dem Zifferblatt stand Rolex GMT Master II Oyster Perpetual geschrieben. Ich selbst war nicht in der Lage, Fälschung von Original zu unterscheiden, aber ich vertraute Pollys Federn und ließ mir die Uhr zeigen. Der Verkäufer wollte 200 Euro dafür haben, ein lächerlicher Preis für eine echte Rolex. Aber es war immer noch heiße Ware und er brauchte das Geld. Ich auch. Ich bat ihn, die Uhr für mich zurückzulegen, damit ich Geld abheben könne. Dann ging ich in eine ruhige Ecke des Markts und rief die auf dem Steckbrief angegebene Telefonnummer an. Die Kriminalpolizei meldete sich und ich erklärte, dass die gesuchte Uhr hier angeboten wurde. Ich gab meine Personalien an und wartete ab. Sie kamen in Zivil und die Festnahme und Sicherstellung des Diebesguts verlief so ruhig, dass viele Besucher es gar nicht bemerkten. Erst als der Händler abgeführt wurde, stellte ich mich den Polizisten vor und erklärte, dass ich den Anruf getätigt hatte. Sie schüttelten mir die Hand und bedankten sich. Man würde auf mich zurückkommen. 

 

*** 

 

Zwei Wochen später klingelte mein Telefon. „Hagenbrecht hier“, meldete sich eine befehlsgewohnte Stimme, „ich möchte mich persönlich bei Ihnen bedanken. Dank ihrer Aufmerksamkeit hat man die Täter gestern festgenommen. Sie sitzen in Untersuchungshaft, wo meine Frau und ich sie heute identifiziert haben.“ „Das ist ja wunderbar!“, rief ich und trommelte nervös mit den Fingern auf den Tisch, auf dem noch immer der Stapel unbezahlter Rechnungen lag. „Wie versprochen möchte ich Ihnen die Belohnungssumme zukommen lassen. Wollen Sie vielleicht auf eine Tasse Kaffee vorbeikommen und wir regeln alles?“ Jawoll! Es hatte geklappt! Innerlich jubelte ich und klopfte mir selbst auf die Schulter für meinen genialen Plan. „Natürlich, sehr gerne“, antwortete ich und wir verabredeten uns für Freitagnachmittag. 

 

*** 


Als ich freitags erneut in der Straße parkte, war mir das deplatzierte Erscheinungsbild meines Golfs herzlich egal. 5000 Euro! Das würde mir vorerst einige Sorgen nehmen. Fröhlich pfeifend betätigte ich die Klingel und wurde eingelassen. Polly war natürlich dabei. Wir saßen am Tisch des feudalen Esszimmers und unterhielten uns über den Einbruch. Die Eheleute hatten einiges durchgemacht und waren überglücklich, die Täter dingfest zu wissen. Frau Hagenbrecht servierte Latte Macchiato aus einem dieser teuren Schickimicki-Kaffeeautomaten und ein Stück Schwarzwälder Kirschtorte vom bekanntesten Konditor der Gegend. Schließlich überreichte mir Herr Hagenbrecht einen dicken Umschlag. Ich öffnete ihn und zehn 500 Euro Scheine lachten mich an. Mir stockte der Atem, als ich sie ehrfürchtig berührte. Genau in diesem Moment stieß Polly einen seiner entsetzlichen Schreie aus, der uns allen durch Mark und Bein schoss. Schnell verstaute ich das Geld wieder und verabschiedete mich von den Hagenbrechts. „Verdammt, Polly“, schimpfte ich vor der Tür. „Was soll denn der Unsinn? Wieso musst du immer zu den unpassendsten Momenten losschreien, als sei der Leibhaftige hinter dir her?“ Doch Polly blieb mir wie üblich eine Antwort schuldig.

 

 

 

 

© 2019 by Mona Silver