Die Geldbörse

Von da an war mein Phoenix immer dort, wo auch ich war. Er begleitete mich überall hin und die Menschen gewöhnten sich bald an den Anblick des merkwürdigen Kerls mit seinem Papagei. Schnell hatte ich herausgefunden, dass er für sie anders aussah als für mich. Sie konnten seine brennenden Federn nicht sehen, was sich in ihren Äußerungen mir gegenüber verdeutlichte: „Was für ein wunderschöner Papagei“, oder „Ich hatte auch mal einen Ara. Ihrer ist ein Prachtkerl!“ Ich ließ sie in dem Glauben. Auch die Tatsache, dass er seit seiner ersten Feuermahlzeit nie wieder fraß und anscheinend auch nichts benötigte, behielt ich für mich. Ich gab ihm den Klischeenamen Polly. Das bestärkte die anderen noch in dem Glauben, einen Papagei vor sich zu haben und ihm schien es recht zu sein. Seine Stimme hörte ich nicht mehr in meinem Kopf. 

Bis zu dem Tag, an dem ich im Straßengraben eine Geldbörse fand. Darin befanden sich 2.800 Euro, aber keinerlei Hinweise auf den Eigentümer. Ratlos blickte ich mich mit meinem Fund in der Hand um, aber niemand schien danach zu suchen. 

Sieben Federn dir zu helfen. Sieben Taten zu vollbringen. Wählst du den rechten Weg, dem Glück nichts mehr im Wege steht. Pollys Stimme hallte durch meine Gedanken. 

Er hatte sich auf meiner Schulter umgedreht und streckte mir seine Schwanzfedern entgegen. Sie kitzelten mich am Kinn und ich sah ihn überrascht an. „Wie meinst du das?“, fragte ich. 

Er schüttelte sich kurz und eine seiner Schwanzfedern segelte zu Boden, wo sie vor meinen Füßen liegen blieb. Ich bückte mich und wollte sie aufheben. Als ich sie berührte, ging sie in Flammen auf und zerfiel zu Asche. An ihrer Stelle lag nun eine Visitenkarte mit dem Namen Franz Huber inklusive Adresse und Telefonnummer. Ich hob sie ratlos auf. Polly tippte nun wiederholt mit dem Schnabel darauf. „Was denn? Du meinst, das ist der Besitzer der Geldbörse?“ Wieder tippte er auf die Karte und nickte betont mit dem Kopf. „Okay. Wenn du meinst“, murmelte ich und zog mein Handy hervor. Ich wählte die Nummer auf der Karte. 

„Hallo?“, meldete sich eine Stimme am anderen Ende. 

„Hallo. Mein Name ist Stefan Reiter. Ich habe eine Geldbörse gefunden…“ 

„Oh mein Gott!“, unterbrach er mich. „Ist das Ihr Ernst? Ich habe schon überall gesucht! Eine dunkelbraune Kunstlederbörse mit zwei Fächern und 2.800 Euro darin?“ 

Seine Angaben stimmten und ich nickte. Sprachlos starrte ich Polly an und hob anerkennend eine Augenbraue. 

Es dauerte etwas, ehe ich merkte, dass mein Gesprächspartner mein Nicken am Telefon nicht sehen konnte, also fügte ich schnell hinzu: „Ja, genau. Ich bin gleich in der Nähe, wenn Sie unter der Adresse auf der Visitenkarte zu finden sind, könnte ich gleich vorbei kommen.“ 

„Welche Visitenkarte?“, fragte Herr Huber verwirrt, fuhr aber gleich fort: „Meine Adresse lautet Amselweg 12.“ So stand es auch auf der Karte. 

„Prima, ich bin in fünf Minuten da“, antwortete ich und legte auf. 

Als Franz Huber die Tür öffnete, strahlte er mich überglücklich an und zog mich ohne weitere Umstände in seine Arme. Es war mir ein bisschen peinlich, aber ich ließ es geschehen. Er lud mich auf eine Tasse Kaffee ein und führte mich in die kleine, gemütliche Küche. Auch meinem gefiederten Begleiter wollte er unbedingt etwas Gutes tun und kramte nach ein paar Nüssen, die er ihm hinhielt. Zu meinem eigenen Erstaunen nahm Polly eine der Nüsse vorsichtig entgegen und kaute darauf herum. Es war fast, als wolle er aus Höflichkeit nicht ablehnen. Bevor wir uns verabschiedeten, griff Franz in seine wieder gefundene Börse und holte 280 Euro heraus, die er mir in die Hand drückte. „Zehn Prozent Finderlohn ist Ehrensache. Nehmen Sie! Ohne Ihre Ehrlichkeit hätte ich diesen Monat ein echtes Problem!“ Es war mir ein wenig unangenehm, aber andererseits konnte ich nicht leugnen, dass mir jeder Euro gerade recht kam. Seit ich meinen Job verloren hatte, sah es auf meinem Konto nicht so rosig aus. Also nahm ich das Geld und wollte Franz gerade danken, als Polly einen markerschütternden Schrei ausstieß. Wir starrten ihn beide erschrocken an, aber außer sein Gefieder aufzuplustern und sich danach kräftig zu schütteln, geschah nichts weiter. „Hat sich wohl erschrocken, der Gute“, sagte Franz jovial und klopfte mir beim Rausgehen auf die freie linke Schulter.

 

 

 

 

© 2019 by Mona Silver