Glaubst du an Wunder?

Wunder“, brummte er, „so ein Quatsch.“ Rainer Hold hatte nie an Wunder geglaubt. Das war etwas für Weicheier. Er saß im Flugzeug auf dem Weg nach Hause. Zu Hause, das war Deutschland. Beruflich hatte es ihn ins Ausland verschlagen. Zurzeit lebte er im Baltikum, sein Arbeitgeber war auf der ganzen Welt zu Hause und somit auch er selbst. Er hatte sich an das Nomadenleben gewöhnt und in den meisten Fällen gefiel ihm das auch. 

Bis vor zwei Tagen, als ihn plötzlich der Anruf seines Vaters erreicht hatte. „Mutter liegt im Sterben“, hatte er mit erstickter Stimme gesagt. Rainers Magen hatte sich zu einer Abrisskugel zusammengekrampft und nahm sein Innerstes auseinander. Gerade noch hatte die OP seiner Mutter Mut zur Hoffnung gemacht, und nun das! Keiner hatte damit gerechnet, dass das geschehen würde und schon gar nicht so schnell. 

Sofort hatte er im Büro Bescheid gegeben, man müsste ohne ihn auskommen. Auch wenn man im Ausland lebt – Familie geht vor. In Windeseile buchte er einen Flug nach Deutschland und raste am Morgen danach zum Flughafen. Seine Kollegin hatte seinen Dienst übernommen. Die gute Corinne, zu gut für diese Welt. Er war ihr dankbar, denn sie hatte alles dafür getan, dass er möglichst reibungslos verschwinden konnte. „Vielleicht geschieht ja doch noch ein Wunder“, hatte sie zum Abschied gesagt als sie ihn am Flughafen absetzte. 

Die Maschine setzte zur Landung an. Seine Schwester holte ihn am Flughafen ab. „Mutter lebt noch, aber sie ist nicht ansprechbar“, sagte sie auf der ansonsten von schwermütiger Schweigsamkeit geprägten Fahrt in Richtung Heimatstadt. 

Im Krankenhaus hatte er sich von seiner Mutter verabschiedet. Man hatte ihn allein mit ihr gelassen. Sie sah friedlich aus, so als würde sie schlafen. Nur die piepsenden Geräte störten die Stille. Ihr Gesicht sah aufgedunsen aus, fast fremd, doch ansonsten sah sie aus wie immer und fast dachte er, sie würde die Augen öffnen und ihn begrüßen. Doch sie blieb reglos liegen. 

Er beugte sich hinunter und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. „Lass los, Mama. Wir kommen schon klar. Quäl dich nicht weiter“, flüsterte er ihr ins Ohr. Ein letztes Mal streichelte er ihr Gesicht, hielt ihre Hand. Dann verließ er leise das Krankenzimmer. 

Zwei Stunden später kam die Nachricht, die alle erwartet, aber jeder befürchtet hatte. „Ihre Frau ist soeben von uns gegangen“, sagte die Stimme am Telefon, als sein Vater den Hörer ans Ohr hielt. 

Rainer schluckte den Kummer hinunter und war für seinen Vater da. Mehr konnte er nicht tun. In der Nacht träumte er von Zeiten, als er ein Kind war. Und dann erwachte er. Da stand sie: Seine Mutter, so wie er sie kannte. Im Nachthemd, barfuß, stand sie an seinem Bettende. Das Bett, in dem er schon als Junge geschlafen hatte. „Es geht mir gut, da wo ich jetzt bin“, sagte sie. Er wurde aus dem Schlaf gerissen und schlug die Augen auf. In seinem Herzen würde sie für immer bei ihm sein. 

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© 2019 by Mona Silver