Models und Moneten

Mein Leben hatte sich in den letzten zwölf Monaten seit dem Gewinn um 180 Grad gewendet. Man glaubt gar nicht, was der plötzliche Besitz von über fünf Millionen Euro für eine Lawine auslöst. Wochenlang war ich nur damit beschäftigt, Banken und Finanzberater abzuklappern, um nicht wie so mancher Lottogewinner nach ein paar Jahren wieder völlig pleite dazustehen. Mittlerweile hatte ich ein paar fähige Leute gefunden, die sich gegen ein vernünftiges Gehalt um meine Belange kümmerten. Aus meiner Plattenbauwohnung war ich längst ausgezogen. Frau Sander hatte ich eine schicke Eigentumswohnung in einem exklusiven Seniorenwohnheim gekauft. Sie besuchte mich regelmäßig. Dort, wo einst mein alter Golf so auf der Straße auffiel nannte ich nun eine schmucke Villa mein eigen. Meine Nachbarn, die Hagenbrechts, kannte ich ja schon seit der Geschichte mit ihrer Rolex. Mittlerweile waren wir eng befreundet. Peter Hagenbrecht war erfolgreicher Unternehmer im der Modebranche und verhalf mir dazu, einen Traum zu verwirklichen: Ich hatte eine Modelagentur gegründet. Die Fashion Branche hatte mich schon immer fasziniert und nun hatte ich die Möglichkeit, selbst mitten drin zu sein. In den letzten sechs Monaten hatte sich meine Firma gut gemacht und es war uns bereits einige Male gelungen, Models an größere Fashion Shows und Designer zu vermitteln. 

 

Polly war perfekt für mein Business. Der nie fehlende Papagei auf meiner Schulter verlieh mir großen Wiedererkennungswert und erleichterte es mir, den Fuß in so manche Tür zu bekommen. Auch heute hockte Polly wieder auf meiner Schulter. Den Kopf unter den Flügel gesteckt schlief er den Morgen über, während ich Papierkram erledigte. Immer noch machte ich mir Sorgen um seinen Gesundheitszustand. Sein Federkleid wurde immer blasser, die glühenden Ränder seiner Federn, die nur ich sehen konnte, waren zum Teil erloschen. Auf seiner Brust waren einige Federn verkohlt, für jeden anderen sah es aus, als habe er sich die Brust kahl gerupft. Ich hatte schon mehrfach Aufrufe von Tierschützern abwehren müssen, die mir den Papagei abnehmen wollten, weil ich ihn in Einzelhaltung nicht artgerecht hielte. Doch sie sahen ja nicht, was ich sah. Es gab keine anderen Vögel wie Polly. Was wäre für ihn artgerecht gewesen? Dass er auf meiner Schulter saß und dort so gut wie nie herunter kam, war seine eigene Entscheidung gewesen, ich hatte ihn nie zu etwas gezwungen, das er nicht wollte. Ich war sogar zu Tierärzten mit ihm gegangen, aber wie ich erwartet hatte, sie versuchten ihn lediglich als Papagei zu behandeln, wollten, dass ich ihn zu einem Papageienzüchter gebe, wo er mit anderen "seiner Art" zusammen leben konnte. Ihre Medizin verkohlte vor meinen Augen, wenn ich versuchte, sie Polly zu verabreichen und mein Phoenix wurde zunehmend schwächer. 

 

Die Gegensprechanlage auf meinem Schreibtisch summte und riss mich aus meinen Gedanken. Natascha, meine Assistentin und unersetzliche rechte Hand, kündigte eines der Mädchen an, die für heute einen Vorstellungstermin hatten. Ich schob die Papiere zur Seite und bat sie, die Besucherin herein zu bringen. 

 

Als die Tür aufging ging ich ihr mit ausgestreckter Hand zur Begrüßung entgegen. Mein Blick fiel auf die langen, schlanken Beine, die in hohen schwarzen Pumps und einer silbrig glitzernden mokkabraunen Strumpfhose steckten. Wow, dachte ich, das ist vielversprechend, und ergriff ihre feingliedrige Hand zur Begrüßung. Ihr eierschalenfarbener Rock reichte ihr etwa eine Handbreit über die schlanken Knie. Ein breiter, cremefarbener Lackgürtel trennte die schokobraune Seidenbluse optisch vom Rock ab. Der tiefe Ausschnitt ihrer Bluse gab den Blick frei auf ein perfekt geformtes Tal zwischen ihren Brüsten und verbarg gerade so viel, dass es nicht billig wirkte. Ihre Hand lag zierlich, aber mit festem Druck in meiner, die sonnenverwöhnte Haut ihrer schmalen Arme hatte die olivfarbene Tönung, die Menschen aus dem Süden Europas kommend, auszeichnen. 

 

"Sofia Cortas, hallo", sagte sie mit angenehm klingender Stimme und ich hob den Kopf, um ihr endlich ins Gesicht zu sehen. Sie war wunderschön, ihr braun gelocktes Haar, in dem leuchtende Strähnchen interessante Akzente setzten, umschmeichelte ihr Gesicht und legte sich verspielt auf ihre Schultern. Ihre perfekte Nase saß mit genau der richtigen Größe in der Mitte ihres symmetrischen Gesichts, aus dem mich zwei dunkle Augen ansahen, die ein Versprechen auf wilde, ungezügelte Leidenschaft zu geben schienen. Im Rahmen meines Berufes traf ich viele schöne Frauen, aber Sofia übertraf sie alle. Ich musste mich zwingen, ihre Hand loszulassen, am liebsten hätte ich sie in meine Arme gezogen und sie geküsst. Eine Frau wie diese fehlte mir an meiner Seite. Sie würde viel Aufsehen erregen und mich vom verrückten Spinner mit Papagei zum begehrenswerten Liebhaber katapultieren. Ich hatte alles, was man sich wünschen konnte, aber dennoch war ich allein. "Herzlich willkommen, Sofia", antwortete ich und strahlte sie an. 

 

"Bitte, nehmen Sie Platz." Ich wies auf die kleine Sitzgruppe vor dem Panoramafenster meines Büros. 
"Danke", sagte sie und ließ sich graziös auf dem Sessel nieder. 
"Was kann ich für Sie tun?", fragte ich während Natascha uns edles Mineralwasser in noch edleren Kristallgläsern servierte. 
"Ich möchte modeln", antwortete sie schlicht. 
"Ich bin überrascht, dass sie nicht längst in diesem Beruf Fuß gefasst haben. Mit Ihrem Aussehen stehen Ihnen Türen und Tore offen." 
Sie lächelte etwas gequält bevor sie antwortete: "Ich tue das nicht für mich. Ich wollte nie in die Modebranche. Aber ich brauche Geld. Geld, das meinem Mann das Leben retten könnte. Ich habe schon oft Angebote aus der Modebranche erhalten, aber ich möchte nicht ohne einen Agenten an die Sache heran gehen. Darum bin ich hier. Sie sollen mich vertreten." 

Aha, es gab einen Mann in ihrem Leben. Die winzige Eisenfaust der Enttäuschung machte sich in meiner Brust breit. "Ich denke, wir werden ins Geschäft kommen, Sofia", sagte ich und setzte mein gewinnendstes Siegerlächeln auf. 

 

*** 

 

In den darauffolgenden Wochen tat ich alles dafür, aus Sofia ein gefragtes Model zu machen. Wir beauftragten einen Starfotografen, der ihr eine Setcard erstellte, die mit den ganz großen Stars ihrer Branche mithalten konnte. Ich ließ meine Kontakte spielen und pries sie als neuen Shooting Star der Modelwelt an. Langsam fingen meine Bemühungen an Früchte zu tragen und die ersten Angebote trudelten ein. 

 

Gleichzeitig setzte ich alles daran, Sofias Interesse für mich selbst zu wecken. Ich war wie ein Großwildjäger auf der Pirsch. Sie hatte meinen Jagdinstinkt geweckt und ich wollte sie erobern. 

 

Ihr Mann, soviel hatte ich mittlerweile herausgefunden, war hoch verschuldet und musste Geld aufbringen, dass er selbst nie zusammen bekäme. Ihre Modelkarriere sollte das Problem lösen. Aber wie lange konnte eine Beziehung unter solchen Umständen andauern? Früher oder später würde sie merken, dass sie bei mir viel besser aufgehoben war. Ich hatte Geld, Beziehungen zur Modewelt, sah gut aus, ich war frei und ungebunden. Welche Frau konnte da widerstehen? 

 

Natürlich nutzte ich meine Stellung als ihr Agent und führte sie gerne zum Essen oder ins Theater aus. Alles unter dem Deckmantel des Networkings. "Sehen und gesehen werden, meine Liebe", betonte ich immer wieder, um sie zu überzeugen, dass es ohne diese gemeinsamen Unternehmungen gar nicht ging. Sie willigte ein, aber alle amourösen Ansätze meinerseits erstickte sie im Keim. "Ich mag dich, ich mag dich wirklich, Stefan", sagte sie bei einem dieser Anlässe. "Aber ich liebe meinen Mann." Statt mich geschlagen zu geben, stachelte das meinen Ehrgeiz nur noch mehr an. Ich gab alles, ihr zu gefallen. 

 

*** 

 

Innerhalb eines Jahres hatte ich sie soweit aufgebaut, dass sie bei Modenschauen in Mailand, Paris, New York und Tokyo lief. Ihre Karriere war einzigartig für die Branche. Wir brauchten keine Türklinken mehr zu putzen, die Kunden rannten uns die Bude ein. Eine Woche vor einem Großevent in New York klingelte mein Handy. Die Nummer im Display war mir unbekannt. "Hallo", meldete ich mich. 

 

"Herr Reiter, hier spricht Alexander Borchardt." Borchardt, Borchardt... den Namen hatte ich doch schon einmal gehört. 
"Ich bin Sofias Ehemann", erklärte er, so als habe er meine Überlegungen mit angehört. 
"Ah, hallo Herr Borchardt. Was verschafft mir die Ehre?" Naturgemäß hatte ich nie versucht, den Mann der Frau kennen zulernen, die ich selbst dabei war zu erobern. Warum sollte ich auch? 
"Es geht um Sofia. Sie hatte einen Unfall und liegt im Krankenhaus." 
Im Kopf ging ich bereits durch, welche Vorkehrungen ich nun zu treffen hatte im Hinblick auf die bevorstehende New Yorker Verpflichtung, als er mich mit dem nächsten Satz auf den Boden der Tatsachen holte: "Sie hat tiefe Schnittwunden davon getragen. Die Ärzte sagen, sie wird für immer entstellt sein." 
Ich hielt den Atem an. Sofias Gesicht entstellt? Das war eine Katastrophe! Ihr Aussehen war ihr Kapital. "In welchem Krankenhaus liegt sie?", fragte ich. 
"Marienkrankenhaus", lautete Borchardts Antwort. 

Ich war bereits aufgesprungen und rannte hinaus. "Polly? Aufwachen! Es gibt etwas für dich zu tun", sagte ich und schnappte mir meine Jacke im Vorbeigehen. 

 

*** 

 

Sofia lag auf der Intensivstation. Ihr ganzer Körper bestand nur aus einem einzigen riesigen Verband. Von ihrem Gesicht waren nur Schlitze für den Mund, Nase und Augen geblieben. Sie erinnerte mich an eine Mumie aus Horrorfilmen, wie sie da so in ihrem Bett lag. Sie hatte die Augen geschlossen, war mit Schmerzmitteln vollgepumpt. Man wollte mich erst nicht zu ihr lassen, da ich kein Familienmitglied sei. Ein 100 Euro Schein und ein Mitgefühl heischender Blick lösten das Problem. Polly schien niemand wahrzunehmen. 

 

Ohne weiter zu zögern, sagte ich die magischen Worte: „Drei Federn dir zu helfen. Drei Taten zu vollbringen. Wählst du den rechten Weg, dem Glück nichts mehr im Wege steht.“ 

Polly sträubte sein Gefieder, schüttelte sich kurz, wandte sich auf meiner Schulter um und ließ eine seiner verbliebenen Schwanzfedern auf die Decke des Krankenhausbettes fallen. "Danke, Kumpel", flüsterte ich. Als ich nach der Feder griff, flammte sie auf und verbrannte in meiner Hand. Übrig blieb eine Spritze mit einer durchsichtigen Flüssigkeit darin. Schnell injizierte ich den Inhalt in den Infusionsbeutel, der Sofia mit Medikamenten versorgte. Dann steckte ich die Spritze in die Jackentasche und verabschiedete mich leise. Sofia hatte nicht einmal bemerkt, dass wir dort gewesen waren. 

 

*** 


Drei Wochen später war Sofia wieder völlig gesund. Ihrem schönen Gesicht sah man nicht an, dass sie je einen Unfall gehabt hatte und auch alle anderen Verletzungen waren komplett verheilt. Alle hielten es für ein Wunder, niemand konnte sich ihre unerwartete und vor allem schnelle Heilung erklären. Doch geschenkte Wunder stellt niemand in Frage. Wir machten weiter wie bisher und Sofia verdiente weiterhin Geld für ihren Mann, dem die Schuldeneintreiber nach wie vor im Nacken saßen. Ich fragte mich, wieviel und vor allem warum dieser Kerl Schulden gemacht hatte. Doch Sofias Liebe zu ihm war unerschütterlich und sie gab ihm jedem Cent, den sie verdiente. 

Faszinierenderweise war auch Polly ein wenig aufgeblüht. Sein Gefieder schien wieder intensiver zu glühen und unter den verkohlten Brustfedern zeigte sich nachwachsender Flaum. Vielleicht hatte er irgendeine Infektion im Körper gehabt. Eine Phoenix-Krankheit, die keiner kannte und sie nun endlich überstanden. Ich war glücklich darüber, denn mein ständiger Begleiter war mir ans Herz gewachsen. 

Gerade als ich am Ende des Monats das Geld auf meinem Konto verbuchte, das ich mit Hilfe von Sofia nach ihrem Unfall verdient hatte, schrie Polly schmerzvoll auf. Sein Federkleid schien wieder stumpf zu werden. Langsam begann mir etwas klar zu werden. Ich ließ die "guten Taten" Revue passieren, die ich mit Hilfe von Pollys Schwanzfedern getan hatte und endlich sah ich den Zusammenhang! Ich konnte seine Federn immer einsetzen, konnte ihn zwingen, etwas Gutes zu tun, auch wenn es eigentlich ein selbstsüchtiger Akt war. Irgendwie waren all meine Taten letztlich hauptsächlich für mich selbst vorteilhaft gewesen. Immer wenn ein solcher Vorteil sich eingestellt hatte, hatte Polly gequält aufgeschrien. Vielleicht wartete er auf den einen selbstlosen Moment, in dem ich seine Federn dazu einsetzte, anderen zu helfen, ohne mein eigenes Wohl im Auge zu haben? Ich bedauerte, dass er außer der wenigen Worte, die er mir anfangs gesagt hatte, nicht mit mir reden konnte. 

© 2019 by Mona Silver