Von Mäusen und Monstern

 

Berlin an einem verregneten Montagmorgen. Ich betrete den Schulungsraum und werde von Udo Kumpe, Leiter des dreitägigen Seminars "SAFE - Sicherheitstraining für Frauen" begrüßt.

Nach ein paar Worten der Begrüßung hat sich jede der 12 Teilnehmerinnen vorgestellt. Die jüngste Teilnehmerin ist 16 Jahre jung, die Alterskurve der restlichen Teilnehmerinnen reicht von Mitte zwanzig bis Ende vierzig. Jede von uns bringt persönliche Erfahrungen mit in die Gruppe. Die Teilnehmerinnen sind so unterschiedlich, wie sie nur sein können, doch eines haben wir alle gemeinsam: Wir möchten keine Opfer sein und wollen lernen, was man dagegen tun kann.

In der Einladung zum Seminar stand "es wird sportlich", also haben wir brav alle unsere Sportklamotten mitgebracht. Eine Stunde lang wird Sport getrieben, Elemente aus Yoga, Pilates, Muskelaufbau- und Rückentraining fließen in die Übungen mit ein. Noch schielen einige von uns unsicher zur Nachbarin, man checkt sich gegenseitig ab, hofft, nicht allzu unsportlich auszusehen. Auch Udo prüft uns heimlich, will wissen, wie fit seine Schäfchen wirklich sind. Die Botschaft dahinter ist klar: Je sportlicher du bist, umso größer sind deine Chancen im Notfall. Noch ein guter Grund, Sport zu treiben, knurre ich meinen Schweinehund an. Unser gemischter Haufen reagiert durchwachsen, während es für die einen nicht über die normale Belastungsgrenze hinausgeht, fangen einige an, wie ein Feuermelder zu glühen. Aber wir halten durch. Die Bewegung lockert nicht nur die Muskeln, auch der Umgang miteinander wird zusehends entkrampfter und wir fühlen uns nicht mehr ganz so unwohl in unserer Haut.

Und dann lernen wir Psycho-Anton kennen. Psycho-Anton kommt nur dann raus, wenn Udo seine schwarze Wollmütze aufsetzt. Dann ist er ein anderer; einer, dem man nicht bei Nacht allein begegnen möchte.

"Stell dir vor, das hier ist ein Bahnsteig und du wartest auf die Bahn. Keiner außer dir ist hier. Außer...", er setzt seine Mütze auf, "Psycho-Anton." Mit stierem Blick und aufdringlichem Verhalten belästigt Psycho-Anton ohne Vorwarnung sein freiwilliges Opfer. Er rotzt, fasst sich lasziv in den Schritt, kaut offenen Mundes und laut schmatzend auf einem imaginären Kaugummi herum und provoziert, was das Zeug hält. Er steuert zielstrebig auf sein armes Opfer zu, das versucht, seinem Blick auszuweichen und sich möglichst unsichtbar zu machen. Sie reagiert, wie 30% der Menschen auf eine solche Situation reagieren: Sie wird zur Maus. Und überlässt Psycho-Anton die Macht, die er sichtlich genießt.

"Was hätte sie besser machen können?", fragt Udo, während er sich die schwarze Mütze vom Kopf zieht. Ratlosigkeit in den Gesichtern, dann die zögernde Frage: "Sich ihm entgegenstellen?" Mit den Worten "Zeig es mir!" zieht Udo seine nächste Freiwillige aus der Reihe und die gleiche Situation wird wiederholt. Während Psycho-Anton seine Nummer abzieht, geht die junge Frau am Bahnsteig auf Konfrontation, wirft die Schultern zurück und reckt das Kinn vor: "Hey, was willst du überhaupt? Lass mich in Ruh, du Penner!" Doch auch das hält einen Kerl wie ihn nicht auf und wieder gewinnt er die Oberhand.

Im Anschluss lernen wir, dass es zwei Arten von Menschen gibt. Mäuse und Monster. Die nach innen gekehrten Mäuse versuchen sich klein und unsichtbar zu machen, sie wirken ängstlich. Ein extrovertiertes Monster geht in den Angriffsmodus über, tritt dem Täter arrogant entgegen. Beides ist im Ernstfall für den Angreifer eine Reaktion, die er erwartet hat und auf die der immer gleiche Tanz folgt. Der Täter checkt die Lage, sieht, wie weit er gehen kann, tastet sich vor bis er zuschlägt.

Wir sollen nun lernen, weder Maus noch Monster zu sein. Besonnen zu handeln, ruhig zu bleiben, Distanz zu wahren und vor allem dem Angreifer wertungsfrei gegenüberzutreten. Wir lernen die internationale Geste der Beschwichtigung: Hände vor dem Bauch, Handflächen nach unten und leicht auf- und ab bewegen. Siezen ist besser als Duzen. Das schafft Distanz. Höflich bleiben. "Bitte bleiben Sie stehen." In der nächsten Stufe hebt man die Hände auf Schulterhöhe, die Handflächen zum Täter gewandt und mit etwas lauterer und bestimmterer Stimme: "Bleiben Sie stehen." Lässt der Angreifer noch immer nicht locker, die letzte Stufe: Hand auf Armeslänge ausgestreckt, die Hand angewinkelt mit der Handfläche zum Täter zeigend, laut und selbstbewusst "STOPP!" rufen.

"Bis hierher", sagt Udo, "hat der Täter die Gelegenheit, ohne Gesichtsverlust aus der Nummer rauszukommen. Er kann sich umdrehen und gehen. Vermutlich wird er noch eine Beleidigung in den Raum werfen, aber er geht. Sein Opfer hat nicht so reagiert, wie er es erwartet hat, das schreckt einen Großteil der Täter schon ab."

"Und wenn nicht?" - "Dann bleiben nur Flucht oder Kampf." Und auch das lernen wir in den kommenden zwei Tagen noch. Wann rennt man weg? Antwort: So lange es noch möglich ist, ist Flucht immer die erste Wahl. Wann kämpft man? Antwort: Nur, wenn es keinen anderen Ausweg mehr gibt. Immer mit dem Wissen im Hinterkopf, dass man jetzt ohne Zweifel in Gefahr ist, dass man mit etwas Glück nur Blessuren davon tragen wird, man aber vielleicht auch verlieren wird. Unter Umständen sogar sein Leben. Aber wenn man nicht kämpft, hätte man die letzte Chance vertan.

Die kommenden Tage nutzen wir, zahlreiche Möglichkeiten der Selbstverteidigung zu trainieren, sowohl verbale als auch körperliche. Udo zeigt uns Schwachstellen des menschlichen Körpers auf, die nicht alle so eindeutig sind, wie manch einer glauben mag. Er betont, dass die Stärke einer Frau mangels körperlicher Kraft in der Technik liegt. Durch wiederholte Befehle, wiederholte Angriffe und gezieltes Zuschlagen auf die empfindlichsten Stellen des Gegners hat man mehr Chancen als durch ein einzelnes Wort oder einen einzelnen Schlag. Wir tun uns zu Zweiergruppen zusammen und attackieren uns gegenseitig, mal die eine, mal die andere als Bösewicht unterwegs. Jede von uns kommt in den Genuss, ihre Kräfte am Trainer zu messen, das Adrenalin in den Adern pumpen zu spüren, wenn man auf das dicke Polster eindrischt, das Udo schützt, während er Anweisungen gibt, mit welchem Schlag oder Tritt man angreifen soll. Es soll uns ein Gefühl für die Stärke geben, über die wir verfügen, aber auch dafür, was nicht geht.

Wir kämpfen gegen Psycho-Anton, Ohrfeigen-Olga und Heinz, dem Regelverletzer, wir helfen uns selbst und bugsieren andere aus der Gefahrenzone. Es gibt lustige, beängstigende, befreiende, erschreckende, erhellende und ekelhafte Momente. Von jeder Art von Bösewicht sollen wir zumindest mal was gehört haben. Viele von uns berichten aus ihrer Vergangenheit. Erschreckend dabei, wie viele tatsächlich am eigenen Leib Erfahrungen mit Gewalt gegen Frauen gemacht haben. Eigentlich kann jede von persönlichen Erfahrungen berichten, die eine mit mehr, die andere mit weniger dramatischem Ausgang. Wir lernen voneinander, aus den Fehlern und manchmal auch aus dem richtigen Handeln der anderen.

Am letzten Tag erhalte ich eines von Udos "Gefühlsgeschenken", wie er es nennt. Ich bin im Rollenspiel das Opfer eines bewaffneten Raubüberfalls. Psycho-Anton fällt mich von hinten an, hält mir ein Messer an die Kehle, schreit mir ins Ohr. Befehle, die auf mich einprasseln, ohne dass ich sie noch richtig wahrnehme. Adrenalin prescht durch meine Adern, mir geht wirklich die Düse, auch wenn ich immer noch wissen müsste: Das ist alles nicht echt. Meinem Körper scheint das egal zu sein, der findet es realistisch genug. Ich versuche zu tun, was mein Peiniger verlangt: "Hinsetzen!", "Aufstehen!", "Runter!", "Hände hoch!", "An die Wand!", "Wo ist dein Geld?" Ich gebe ihm mein Geld, er soll mich in Ruhe lassen. Zum Schluss wird es mir doch zu viel und in einem Reflex greife ich nach dem Unterarm, der mir das Messer an die Kehle presst und tatsächlich droht, mir die Luft zu nehmen. "War alles richtig, bis dahin, aber das hättest du nicht tun sollen. Niemals den Täter anfassen. Das kann deinen Tod bedeuten." Wenn das so einfach wäre...

Heute, einen Tag nach dem Seminar, sitze ich an meinem Schreibtisch und betaste die Stelle an meinem Hals, wo das Gummimesser gegen gepresst wurde. Sie ist druckempfindlich, ein bisschen blau. Ich habe überall am Körper blaue Flecken. Mein Körper ist angestrengt, nicht nur vom ungewohnten Sport. Auch mein Kopf ist immer noch nicht aus dem Seminar zurück, immer wieder schwenken die Gedanken zurück und Erinnerungsfetzen an die Dinge, über die wir gesprochen haben, fegen durch meine sonst so heile Welt und bringen sie ins Wanken.

Ich bin froh, an diesem Seminar teilgenommen zu haben. Es wird sicher einige Zeit dauern, ehe ich wieder halbwegs normal durch die Straßen Berlins laufe, ohne mir jeden entgegenkommenden Passanten genau anzusehen und nach Anzeichen von Psycho-Anton zu suchen. Aber ich habe viel gelernt fürs Leben. Wissen, das ich hoffentlich nie anwenden muss, aber das mir keiner mehr nehmen kann. Ob ich es im Ernstfall tatsächlich anzuwenden weiß, möchte ich eigentlich nie erfahren. Aber ich kann nur jeder Frau - und auch jedem Mann - empfehlen, an einem solchen Training teilzunehmen. Man lernt nicht nur die möglichen Täter und ihre Tricks kennen, sondern auch sich selbst.

Ich bin eine Maus, die sich fest vorgenommen hat, ab sofort eine couragierte Maus zu sein.

 

(c) Mona Silver - Juni 2014

baKum Institut für Selbstverteidigung in Berlin

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